Dienstag, 1. März 2011

Politiker-Spott über die Lobby: Ermüdende Bedrohungsszenarien - anachronistische Gewohnheiten

Für einen neuen Lobby-Stil plädiert die ehemalige SPD-Finanzpolitikerin Nina Hauer in einem Beitrag für Politik & Kommunikation.

„Lernst Du schon oder drohst Du noch?“, ist dieser überschrieben. Kernaussage: Die Politik ist in der Finanz- und Wirtschaftskrise selbstbewusster geworden, und Interessenvertreter tun gut daran, sich vom Muster der Untergangsszenarien und Drohgebärden zu verabschieden.
  • Hauer hat in ihrer Zeit als MdB vor allem Bekanntschaft mit der Finanzbranche gemacht. Sie war Mitglied im Finanzausschuss und befasste sich vorrangig mit Kapitalmärkten, saß im Verwaltungsrat der BaFin und als SPD-Obfrau im Untersuchuchungsausschuss zur Hypo Real Estate. Neben dem Bundestagsmandat fand sie noch Zeit, einen MBA an der University of Wales mit Schwerpunkt Finanz- und Anlagenberatung zu erwerben. 2009 verlor sie ihr Mandat. Sie ging aber nicht in die Finanzbranche, sondern ist seit Oktober Berliner Statthalterin bei der Kommunikationsagentur Deekeling Arndt Advisors.
"Der Vertreter eines Wirtschaftsverbands kommt mit düsterem Gesicht zum Bürobesuch und prophezeit den Untergang seiner Branche, sollte diese oder jene Regelung wirklich in Kraft treten", skizziert Hauer eine typische Situation. Und spottet: "Wären diese Prophezeiungen alle wahr geworden, hätte so ziemlich jedes Regierungshandeln der vergangenen zwei Jahrzehnte zwangsläufig zum Ende des Standorts Deutschland geführt."

Die Bedrohungsszenarien hätten etwas Ermüdendes – für beide Seiten. Die Realität der Wirtschaft sei eben eine andere. Das Verständigungsproblem zwischen Politik und Wirtschaft liege allerdings nicht in rhetorischen Übertreibungen, die zum politischen Geschäft gehören. Tiefer liege das "gegenseitige Unverständnis der Motive, Interessen und Sichtweisen des Anderen."

Hauer schreibt weiter:
"Vorbei sind die Zeiten, wo grau gewandete Herren in Hinterzimmern Politikern bedeuteten, was ihrem Unternehmen helfen könnte. Die atemberaubenden Geschichten über einflussreiche Lobbyisten, die kurz vor der Verabschiedung noch ganze Gesetzesentwürfe drehten, werden vor allem von diesen selbst erzählt."
Sie interpretiert die Folgen der Nähe zwischen Politikern und Interessenvertretern etwas anders als üblich: Diese Nähe habe auch zu mehr Transparenz geführt, und auch zu mehr legitimem Austausch.
"Die Politik – hin und wieder auch die Medien – sucht den Kontakt zur Wirtschaft, sie sucht ihn, um etwas zu erfahren über Branchen, Unternehmen, Marktlagen oder den Betriebs­alltag, sie will Einschätzungen hören zu Entwicklungen in der Wirtschaft. Bei diesem Miteinander helfen Einblicke, Geschichten und Beispiele mehr als Bedrohungsszenarien. Umgekehrt können Unternehmen auch von der Politik viel erfahren oder sich die eigene Branche aus anderer Sicht spiegeln lassen."
Die Wirtschaft müsse sich auf neue Formen der Kommunikation einlassen. Es sei nicht notwendig, dass Unternehmen ihre Interessen verbergen. Sie vorzubringen sei genauso legitim, wie ihnen nicht zu folgen.
"Allerdings ist die den Vertretern einiger Wirtschaftsverbände zur Gewohnheit gewordene Art, Forderungen an die Politik vorzubringen, manchmal nahezu anachronistisch. Schließlich werden Unternehmen heute viel mehr als Teil der Gesellschaft angesehen, als das den Managern selbst überhaupt bewusst ist."
Globalisierung und Standortwettbewerb hätten den Blick der Politik auf die Wirtschaft verändert. Sie habe sich sogar in hohem Maße die Perspektive und damit ein Verständnis der Wirtschaft angeeignet. Unter hohem Druck sei die Politik auf hilfreiche Informationen angewiesen. Dazu zählt auch "der sinnliche Eindruck aus den Unternehmen selbst – und nicht die hundertste Forderung nach niedrigeren Unternehmenssteuern."

Die Finanzkrise habe die Politik selbstbewusster werden lassen, nicht nur gegenüber dem Finanzsektor. Das hätten einige Unternehmen aber noch nicht verstanden:
"Heute ist die Kommunikation des Bankenverbands fast wieder da angekommen, wo sie vor der Krise war – die Politik reguliere viel zu viel und mindere dabei den Gewinn der Kredit­institute. Kein Wunder, dass viele Banken klagen, dass die Politiker in Berlin kaum mehr zu ihren Veranstaltungsabenden kommen."
Für Unternehmen sei es notwendig, sich mit Instrumenten und Denkweisen der Politik vertraut zu machen. Zudem müssten sie sich Öffentlichkeit und Gesellschaft stellen. Die Unternehmen könnten sich nicht mehr darauf verlassen, dass "die Politik ihre Beschlüsse einfach exekutiert und am Ende alleine den Leuten draußen erklärt. Dazu sind die Bürger zu selbstbewusst, Fakten zu transparent, und letztlich unser politisches System auch nicht gemacht."

Das gelte im Großen (Beispiel Stuttgart 21) wie im Kleinen, meit Hauer. "Wer seinen Betrieb erweitern will, darf nicht dem Bürgermeister die gesamte Kommunikation überlassen, erst recht nicht, wenn es Streit gibt."

Es sei keine Lösung, von der Politik immer detaillierteres Wirtschafts-Wissen oder mehr Wirtschaftsleute in der Verwaltung zu fordern. In den großen Apparaten der Bundesministerien, so Hauer, könnten Beamte nicht jede Entwicklung in der Wirtschaft präsent haben. Beständig neue Leute „vom Markt“ in die Ministerien zu holen, könne das öffentliche Dienstrecht nicht leisten und der Staat sich noch weniger. Und in der Lokalpolitik seien vor allem Bürger im Ehrenamt tätig. Deren Zeit und Einsatzmöglichkeiten seien auch begrenzt. Damit müsse die Wirtschaft umgehen lernen.

"Nicht alles, was in der Wirtschaft gedacht oder gewünscht wird, muss sich die Politik zu Eigen machen. Sie vertritt Gesamt- und keine Partikularinteressen", resümiert Hauer. "Aber die Politik bedarf eines Eindrucks, eines Erlebnisses und einer Erzählung zum Thema, wenn die Wirtschaft verstanden werden will – und wenn die Politik richtig handeln soll."

Montag, 28. Februar 2011

McKinsey-Studie 2011 zu Beziehungen Staat/Wirtschaft

Die Kunden haben den größten Einfluss auf den Unternehmenswert, aber auf Platz 2 steht: der Staat. 

So sehen es die meisten Manager, resümiert McKinsey in einer weltweiten Online-Befragung von rund 1400 Führungskräften in der lesenswerten Studie „Managing government relations for the future: McKinsey Global Survey results“ im aktuellen McKinsey Quarterly (Februar 2011).
  • Der Staat wird in den nächsten drei bis fünf Jahren einer der Stakeholder sein, der die größten wirtschaftlichen Einfluss auf die Unternehmen haben wird, meint die Hälfte der Befragten. In Entwicklungsländer glauben das sogar zwei Drittel der Manager.
  • Mehr als die Hälfte sind der Ansicht, dass der Staat sich in diesem Zeitraum mehr als bisher in ihre Branchen einmischen wird. Das bestätigt die Ergebnisse der Vorjahresstudie – trotz einiger politischer Veränderungen wie den Wahlsiegen der US-Republikaner und der Konservativen Partei in Großbritannien.


Sehr unterschiedlich beurteilen Manager in Industrieländern und in Entwicklungsländern ihre Perspektiven: Während die Mehrheit in der entwickelten Welt von der Politik eine negative Auswirkung auf ihr Betriebseinkommen erwartet, sieht es die Mehrheit in den Entwicklungsländern (einschließlich China und Indien) umgekehrt. Ein krasser Gegensatz. 



Interessant auch, dass die Befragung im Vergleich zum Vorjahr zeigt, dass die Unternehmen mehr Bereitschaft dazu zeigen, sich mit Regierung und Politik auseinander zu setzen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. 

Nur 10 Prozent der Manager meinen allerdings, ihre Unternehmen seien in der Lage, die Politik zu beeinflussen – und nur 10 Prozent sind der Auffassung, dass die Politik sich um die Meinung der Unternehmen bemüht oder schätzt. Jedenfalls meint rund die Hälfte der Befragten, dass die externen Beziehungen unter den drei Top-Prioritäten ihrer Vorstandschefs sein sollten.

Wirklich kritisch ist die Rolle des Staates in Branchen wie Energie, Finanzdienstleistungen und Gesundheitswirtschaft. Hier rangiert der Staat auf Platz 1 der stärksten Kräfte im Unternehmensumfeld. In diesen Branchen sind die Manager auch besonders pessimistisch, was den Einfluss auf die Firmenbilanzen angeht. Dreiviertel der Befragten erwarten zudem vermehrt staatliche Interventionen.



Zwei Drittel der Manager sind der Auffassung, dass ihre Branchen proaktiv und regelmäßig mit der Politik im Dialog stehen sollten, und zwar unabhängig von aktuellen Interessen. Aber nur die Hälfte der Befragten meint zu beobachten, dass ihre Unternehmen dies tatsächlich tun. Dieser Kontrast war schon in der Vorjahresstudie auffällig (71 vs. 43 Prozent).


Die Mackies wollten nun noch etwas genauer wissen, wie die Manager es mit dem Staat halten. Bei der Analyse teilten sie die Befragten in fünf Gruppen oder Typen ein: Opportunisten, Vermeider („avoiders“), Partner, zurückhaltend Kooperative („reluctant engagers“) und Widersacher („adversaries“).

Die Opprtunisten und die Partner sind die beiden Gruppen, die eher die Chancen als die Probleme mit der Politik betonen. Politische Entscheidungen, meinen die Opportunisten, eröffnen auch Chancen fürs Geschäft. Die Partner sehen auch etwas allgemein Gutes in Transparenz und Offenheit für die Kooperation mit der Politik. Die beiden Gruppen machen jeweils ein Viertel der Befragten aus. In der Vorjahresstudie waren die Anteile noch ein wenig kleiner. Die Opportunisten und Partner sind auch eher diejenigen, die meinen, dass ihre Unternehmen recht erfolgreich darin sind, Einfluss auf den Staat zu nehmen – sei es, um den eigenen Wert zu steigern oder Risiken abzumildern.

Manager in China, Indien und Entwicklungsländern gehören tendenziell eher zur Gruppe der Opportunisten. In Europa und Nordamerika melden sich eher die zurückhaltend Kooperativen („reluctant engagers“) – jene, die zwar auch Vorteile in den externen Beziehungen zum Staat sehen, aber auch meinen, dass der Staat die Wirtschaft unfair behandelt.

Auch zwischen den Branchen gibt es Unterschiede. Manager in High-Tech- und Telekommunikationsbranchen sind eher Opportunisten; Führungskräfte in der Finanzbranche sind eher der Typ Widersacher („adversaries“), und in der Gesundheitswirtschaft finden sich viele der zurückhaltend Kooperativen („reluctant engagers“).

McKinsey fragte nun nach 15 konkreten Praktiken bei der Pflege der externen Beziehungen. Die Unternehmensberater stellen allerdings gleich fest, dass nur eine Minderheit der Unternehmen dabei besonders gut ist. Bei keiner der Praxiskategorien meinte jeweils mehr als 40 Prozent, dass ihre Unternehmen darin sehr effektiv seien. 


Immerhin gibt es, so McKinsey, eine kleine Gruppe von Managern, die meinen, dass ihre Unternehmen regelmäßig recht erfolgreich Einfluss ausüben können und dadurch ihre Reputation als Wettbewerbsvorteil ausbauen. In dieser Gruppe der „Erfolgreichen“ sind eher Manager aus China oder Lateinamerika, aus der Energie- oder Finanzbranche, oder aus Unternehmen mit mehr als einer Umsatzmilliarde vertreten.


Interessant ist dabei der Unterschied zwischen den Praxiskategorien, in denen die Unternehmen überdurchschnittlich gut oder schlecht sind. Was in der „erfolgreichen“ Befragtengruppe im Vergleich zu den anderen gemeinhin gut läuft: Abgleich der Agenda der externen Beziehungen mit der Gesamtstrategie des Unternehmens, Kompromissfindung quer durch die Themenliste und Koordination der externen Beziehungen im gesamten Unternehmen. Auch dass diese Firmen ausreichend Personal und Ressourcen für diese Aufgaben bereitstellen, ist ein Pluspunkt, ebenso das Bemühen darum, den finanziellen Beitrag dieser politischen Aktivitäten zu quantifizieren und zu messen.


Dienstag, 15. Februar 2011

Von Monitoring zu Spionage: Infiltration von NGOs und Protestgruppen

Eine ganz neue Bedeutung bekommt der Begriff "Monitoring", sonst für eher routinemäßige Auswertung von Websites, Drucksachen und Veranstaltungen verwendet: Wie der britische Guardian berichtet, hat die Sicherheitsfirma Vericola aus Kent für Unternehmen der Energiewirtschaft offenbar Protestgruppen der Umweltszene infiltriert und undercover Informationen über die Öko-Aktivisten gesammelt.

Auch für den deutschen Konzern E.on, der in Großbritannien Kraftwerke betreibt. Das Unternehmen bestätigte, die Firma (und eine weitere, Global Open) beauftragt zu haben - allerdings habe man nur darum gebeten, öffentlich zugängliche Informationen zu bündeln, heißt es bei Spiegel online. Vericola sei ausschließlich damit beauftragt worden, "Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen, insbesondere Websites, zu sammeln, zu bewerten und zur Verfügung zu stellen". Es habe keinen Auftrag gegeben, hierzu E-Mail-Services zu nutzen oder an Veranstaltungen teilzunehmen, so ein Sprecher zu Spon.  Auch Vericola stellt dies so dar - man bediene sich nur aus öffentlich zugänglichen Quellen, etwa Email-Verteiler, auf die man sich auf den Websites der Gruppen eintragen könne. Die Umweltgruppen allerdings sagen, auf bestimmte Verteiler könne man sich nur eintragen, wenn man Veranstaltungen oder bestimmte Vorbereitungstreffen besuche. Sie sprechen daher von "Spionage".

Für E.on, Scottish Resources Group und Scottish Power hat sich die von Rebecca Todd geführte Firma Vericola laut Guardian in den vergangenen drei Jahren über getante Email-Adresse auf Verteiler der Protestgruppen setzen lassen, Informationen über Aktivisten gesammelt, an Treffen der Gruppen teilgenommen. Unter anderen ist die Klimaschutz-Bewegung Climate Camp betroffen.

Enthüllt wurden die Vorgänge durch die Umweltgruppen selbst, die verdächtige Aktivitäten beobachtet hatten. Auslöser waren die Ermittlungen zu Undercover-Polizeiaktionen, in deren Mittelpunkt der V-Mann Mark Kennedy alias Mark Stone stand. Inzwischen wird über Aussagen aus Polizeikreisen diskutiert, dass bei den Protestgruppen deutlich mehr V-Leute im Auftrag privater Unternehmen als im Auftrag von Polizei und Staatsschutz agierten. Anders als die Polizei, sagt diese, selbst unter Druck geraten, seien die Privaten an keine Regeln gebunden und schlügen auch über die Stränge.

Neben Vericola steht insbesondere die Firma Global Open im Fokus ("We provide forward looking intelligence with integrity, reliability and quality of service"). Die Firma in Beckenham bei London hat angeblich mehr als 90 Klienten, für die sie Protestgruppen beobachtet. Beispielsweise die Campaign Against the Arms Trade (CAAT), die gegen BAe mobilisiert. Auch über die Sicherheitsfirmen Inkerman Group und C2i International wird berichtet, die sich zum Beispiel mit Gegnern des Flughafenausbaus beschäftigen. Alle diese Firmen rekrutieren Mitarbeiter aus Polizei und Sicherheitsdiensten.

Klar ist wohl, dass die Auftraggeber aus gutem Grund nicht selbst auf diese Weise recherchiert haben -- und dass die Privatdetektive nicht mit Klarnamen und Offenlegung ihrer Auftraggeber vorgegangen sind. Sich undercover einschleichen und bei Protestaktionen mitmachen -- das ist in der Tat Spionage.

In der britischen NGO-Szene brodeln nun die Gerüchte, und die Aktivisten suchen fieberhaft nach verdächtigen Mitstreitern. Alle fürchten, infiltriert worden zu sein. Hier zeigt sich die Kehrseite der in Großbritannien sehr radikalen Protestszene: Die Besetzungen, Demonstrationen und Blockaden haben die Unternehmen offenbar sehr verschreckt. Es ist nachvollziehbar, dass sie sich wappnen und so frühzeitig wie möglich über Aktionen informiert sein wollen. Das ist in der Tat "Risikomanagement", wie Vericola es nennt.

Diese Monitoring-Methoden sind aber mehr als zweifelhaft und ethisch bedenklich, wenn nicht sogar strafbar. Daran dürfte die Public-Affairs-Praxis noch etwas zu knabbern haben. Zu Transparenz, offenem Dialog mit Kritikern und gesellschaftlicher Verantwortung passt das alles nicht.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Pharmalobby: Gesetz schmerzt, Cornelia Yzer geht

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) teilt heute mit, dass Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer zum 1. Juni 2011 geht. "Nach 15 arbeitsintensiven und spannenden Jahren in einer Branche, deren Arbeit wie kaum eine andere unmittelbar den Menschen hilft, will ich mich nun einer neuen Herausforderung stellen", sagt die ehemalige CDU-Politikerin. Der Nachfolger ist noch nicht bekannt.

Yzer ist eine der bekanntesten Verbandslobbyistinnen, sie war stets präsent in den Medien, der vfa ist unter ihrer Führung ein Kampagnen-Verband geworden. Und ein Lieblingsfeindbild der Lobbykritiker. Dass Yzer den vfa verlässt, meint die WirtschaftsWoche, sei "wohl nicht ganz freiwillig. Die Pharmaindustrie soll zuletzt mit ihrer Leistung unzufrieden gewesen sein."
"Immer mal wieder war aus der Branche zu hören, dass sich Yzer zunächst zu sehr darauf verlassen habe, dass sich unter der schwarz-gelben Regierung für die Pharmaindustrie wenig ändern werde. Doch dann setzte Gesundheitsminister Rösler Zwangsrabatte durch sowie eine neue  Preispolitik. Rösler wollte erreichen, dass die Krankenkassen künftig mehr Geld sparen. Doch was für die Patienten gut ist, ärgert die Pharmaindustrie. Yzer habe die Gefahr unterschätzt, hieß es."
Spiegel online nennt die Entscheidung einen "Paukenschlag" und schreibt:
"Die Firmen lasten der früheren CDU-Politikerin vor allem an, dass sie das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) völlig falsch eingeschätzt habe. So wird Yzer in der Branche vorgeworfen, sie habe geglaubt, mit Amtsantritt der schwarz-gelben Koalition würden für die Pharmaindustrie noch goldenere Zeiten anbrechen. Stattdessen reformierte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) den Medikamentenmarkt radikal. Die Firmen mussten einen Zwangsrabatt auf Arzneien zugunsten der Krankenversicherung akzeptieren und müssen künftig die Preise für neue innovative Medikamente mit den Kassen aushandeln. Der Einfluss des vfa war im Gesetzgebungsverfahren eher bescheiden. 'Yzer hat einen Fehler nach dem anderen gemacht. Es war unvorstellbar, dass sie das AMNOG überlebt', sagt ein Insider."
Laut Spiegel online könnte Yzer zum europäischen Pharmaverband EFPIA wechseln. "Und damit wird die Personalie richtig interessant. Denn ein Karrieresprung wäre der Wechsel von Berlin und Brüssel nicht. Ein hochrangiger Vertreter eines Pharmakonzerns sagt: 'Sie würde weggelobt.'"

Auch die ÄrzteZeitung meint:  
"Der Rücktritt von Yzer kommt nicht ganz überraschend. Seit Monaten wird bereits spekuliert, Yzer werde ihr Amt wegen anhaltender Kritik am Kurs des Verbands niederlegen. Die Arzneimittelreform, die zum 1. Januar 2011 in Kraft getreten ist, sieht eine Reihe von Neuerungen vor, die Vertretern der Pharmabranche quer im Bauch liegen. (...). Die Pharmahersteller hatten gegen diese Eingriffe, vor allem aber gegen die schnelle Nutzenbewertung neuer Medikamente, bis zuletzt Front gemacht. Sie befürchten dadurch negative Auswirkungen für den Pharmastandort Deutschland. Die Unternehmen könnten vor Investitionen in innovative Therapien zurückschrecken und infolgedessen ihre Leitfunktion für den europäischen Pharmamarkt verlieren."

2010 musste bereits ein Verbandsgeschäftsführer der Pharmabranche gehen, nachdem er in einem TV-Interview untragbar geworden war. Siehe Blogeintrag vom Mittwoch, 26. Mai 2010: "Pharma-Verband ProGenerika geht Satiriker Sonneborn auf den Leim"

Mittwoch, 9. Februar 2011

Staubsauger für politische Informationen: Agenturvideo

Ein munteres Video im Stil der "Sendung mit der Maus" zu Lobby- und Politikberatung hat die Berliner Agentur elfnullelf online gestellt. Elfnullelf ist eine "Unternehmensberatung für Strategie und politische Kommunikation". Zu Ragtime-Klaviergeklimper erläutert ein Cartoon die Arbeit des Teams um Uwe Alschner und Udo Sonnenberg (bloggt auch für Fette Henne). Unter anderem geht es ums Monitoring – dargestellt durch einen überdimensionierten Staubsauger. Man erfährt, dass bei elfnullelf sogar "paranormale Quellen" in den Staubsauger geraten können... ein Bagger und ein Trichter (der eher wie ein Häcksler aussieht) spielen auch eine Rolle. Unterhaltsame Werbung mit Bildungseffekt.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Obama kritisiert "Lobbyistenparade", fordert Offenlegung der Kontakte

Schmusekurs mit Big Business, konziliante Gesten in Richtung der Republikaner –  das ist derzeit die Taktik des Weißen Hauses. Trotzdem unterließ es US-Präsident Obama nicht, den Interessenvertretern ein paar Dinge ins Stammbuch zu schreiben. Die Kritik fiel allerdings sanft aus, gemessen an der anklagenden Rhetorik, der sich Obama früher befleißigte.

Vor allem bei der Steuergesetzgebung setzte er an. Eine "Lobbyistenparade" habe das Steuerrecht durchlöchert, um einzelnen Branchen und Unternehmen Vorteile zu verschaffen (“Over the years, a parade of lobbyists has rigged the tax code to benefit particular companies and industries”).

Obama forderte die Kongressabgeordneten auf, ihre Treffen mit Lobbyisten im Internet zu veröffentlichen - so, wie es die Regierung bereits umgesetzt habe.  ("Because you deserve to know when your elected officials are meeting with lobbyists, I ask Congress to do what the White House has already done -- put that information online.")

Das hat er übrigens vor einem Jahr, am 27. Januar 2010, schon einmal gefordert ("It's time to require lobbyists to disclose each contact they make on behalf of a client with my Administration or Congress") – damals hatten seine Demokraten noch die volle Kontrolle über beide Kongresskammern.

Obamas Regierung hat schon gleich zu Beginn seiner Amtszeit 2009 versucht, mit einer Reihe von Transparenzinitiativen (Open Government Initiave) die Offenlegung von Lobby-Kontakten der Beamten zu erreichen. Die aber tricksten genauso wie die Interessenvertreter, um sich den neuen Spielregeln zu entziehen. Entsprechend giftig fielen Medienberichte und Kommentare von Watchdog-Gruppen aus, die die allzu langsame öffentliche Meldung der Treffen mit im Lobbyistenregister eingetragenen Interessenvertretern kritisierten.

Zu den Tricks gehört die Auslagerung der Treffen. Findet z.B. ein Kontakt nicht im Weißen Haus statt, sondern im Café gegenüber, entfällt die Meldung auf der Besucher-Website – wie die New York Times im vergangenen Sommer süffisant in einem Feature berichtete. Immer häufiger würden "off-site meetings" vorgezogen, damit die Namen der Lobbyisten und ihrer Gastgeber nicht allzu oft in der Datenbank auftauchten.

Montag, 24. Januar 2011

EP-Initiative "Financewatch" geht an den Start

Im Juni berichtete dieses Blog über "Brüssels Sehnsucht nach Alternativen zum Experten-Monopol der Banken". Dabei ging es um einen Aufruf von Europaabgeordneten zur Gründung einer Gegen-Lobby aus der Zivilgesellschaft: NGOs, Gewerkschaften, Wissenschaftler und andere sollten eine Organisation schaffen, die alternativen Sachverstand zur Regulierung der Finanzmärkte bereitstellen soll. Denn die Politiker haben festgestellt, dass sie bei der Regulierung eigentlich nur auf das Expertenwissen der Banken, Versicherung und Fonds zurückgreifen können.

Die parteiübergreifende Initiative scheint nun Fahrt aufzunehmen. Unter dem Namen Financewatch kamen laut FTD jüngst erstmals die Mitwirkenden der neuen NGO in Berlin zusammen. Financewatch soll aber wohl ihren Sitz in Brüssel haben. Zu den Unterstützern der Gründungsphase gehörten Attac, Transparency International, Oxfam, Misereor, Europäischer Gewerkschaftsbund, die Europäische Verbraucherschutzorganisation BEUC, Wirtschaftsprüfer- und Kleinaktionärsverbände, die Viadrina School of Governance sowie einzelne Personen aus der Finanzwirtschaft und Wissenschaftler.

Der Grünen-Abgeordnete Sven Giegold (auch mit Attac eng verbunden) ist einer der Köpfe hinter der Idee. Die FTD zitiert ihn, Financewatch solle Expertisen produzieren und aktive Lobby- und Kampagnenarbeit betreiben: "So soll eine alternative, unabhängige Kraft neben die aktive Lobby der Banken treten." Eine öffentliche Finanzierung sei längerfristig nicht ausgeschlossen. "Die Finanzierung soll möglichst gestreut sein, um eine gezielte Einflussnahme zu verhindern", so Giegold. Eine Schweizer Stiftung ("Fondation pour le progrès de l’Homme") finanziere den Start. Nach Sondierungstreffen in Brüssel, Paris und Berlin sei für Anfang Februar ein großes Auftaktmeeting in Brüssel vorgesehent. Bis zum Sommer solle Financewatch voll funktionsfähig und aktiv sein.

Die FTD meint, darüber dürfte sich EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier freuen. Er wolle den Einfluss von Bankenlobbyisten auf die Finanzregulierung zurückdrängen. Industrieferne Akteure müssten in einem "ausgewogenen Verhältnis" zu Wort kommen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Brüssel gern "Lobbyiert uns!" ruft und sich nicht scheut, im Interesse der Balance Geburtshilfe für neue Lobbyorganisationen zu geben, Anlauf- und Dauerfinanzierung anzubieten. Davon haben von Umwelt- über Energie- bis zu Frauen- und Wissenschaftsgruppen so manche NGOs profitieren können. Meist war es allerdings die Kommission, die die Initiative ergriff. Der öffentliche Aufruf von Parlamantariern aus dem Wirtschafts- und Währungsausschuss war ein Novum.

Man kann darin auch einen Beleg dafür sehen, dass das EP zunehmend selbstbewusster wird und gerade in Finanzfragen nach der Krise der Kommission und ihren bevorzugten Interessenvertretern nicht die ganze Verantwortung geben will.

Nicht übersehen werden sollte, dass die Abgeordneten wiederholt die schlechte Ausstattung des Parlaments kritisiert haben: Das EP hat immer noch keine Wissenschaftlichen Dienste wie der Bundestag (Abteilung "W" mit rund 270 Mitarbeitern, davon ein Drittel Akademiker) oder, will man den Maßstab noch höher legen, der US-Kongress mit seinem Congressional Research Service. Der CRS hat rund 900 Mitarbeiter und ein Budget von 100 Mio. Dollar; hinzu kommen noch das Congressional Budget Office, das sich um Haushaltsfragen kümmert, und das Government Accountability Office. CRS, CBO und GAO haben zusammen gut 4000 Mitarbeiter. Der Einfluss der Lobby mit ihren Experten und Expertisen auf den Kongress ist natürlich groß, aber die Abgeordneten haben neben ihren recht großen persönlichen Stäben eben immer auch die Möglichkeit, die Regierungs- und Lobbyinfos mit Analysen und Politikberatung aus dem eigenen Apparat zu kontern. Das trägt erheblich zur Information und Unabhängigkeit des Kongresses bei.

Solange so etwas für die EP-Parlamentarier nicht zur Verfügung steht, ist die Initiierung und Förderung zivilgesellschaftlicher Akteure wohl der einfachere Weg, sich systematisch alternative Informationen zu erschließen. Aber: Lobby bleibt Lobby.

Sonntag, 23. Januar 2011

Uni-Lobby in den USA: Private Forschungsunis sind ein politisches Schwergewicht

US-Universitäten haben ihre Lobbyarbeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten hochgradig professionalisiert und ausgebaut. Das gilt auch und gerade für die privaten Spitzenunis, für Harvard & Co., die ihre Interessen sehr systematisch in vielen Politikfeldern vertreten. Wie diese Praxis aussieht und die Lobbyarbeit organisiert wird, habe ich in einem Vortrag in der Konferenzreihe "Science-Ethics-Politics" der ZIBI Graduate School (Max-Planck-Gesellschaft/Charité Berlin) dargestellt. Das ergänzte die Konferenzbeiträge zur deutschen und europäischen Forschungspolitik von Enno Aufderheide (Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Bonn) und Jens-Peter Gaul (KoWi, Brüssel).  

Bis in die 1980er Jahre hinein war Lobbyarbeit für die meisten US-Unis eine schwach besetzte Aufgabe; die Washington Post nannte das einmal eine "two-horse operation". Die politischen Rahmenbedingungen und die Finanzierung wurden jedoch immer schwieriger. Seit den 1990ern ist eine wachsende Professionalisierung zu beobachten, die sich im vergangenen Jahrzehnt stark weiterentwickelt hat. Dabei verlassen sich die Unis längst nicht mehr auf ihre etablierten Verbände, sondern investieren in eigene politische Ressourcen:
  • eigene Politikstäbe im Zuständigkeitsbereich der Präsidialverwaltung, oft aufgeteilt in "Federal Relations", "State Relations" und lokale "Community Relations" unter dem Generaletikett "Public Affairs" oder "Government Relations;
  • eigene Verbindungsbüros in den Staatshauptstädten und in Washington;
  • aktive Bündnispolitik und Beteiligung an strategischen Allianzen (z.B. der Science Coalition) und thematische Ad-hoc-Koalitionen mit und parallel zur Lobbyarbeit der großen Wissenschaftsverbände;
  • große Ausgaben für Vertragslobbyisten, d.h. Beauftragung von Beratungsfirmen;
  • und die Ausweitung der politischen Kommunikation durch PR und Mobilisierung ("grassroots advocacy") von Alumni, Studenten, Mitarbeitern und z.B. auch Patienten der Unikliniken.
Die großen Privatunis sind dabei besonders aktiv.  Das ist kein Wunder, denn de facto sind die Privathochschulen von Staat und Politik ebenso abhängig wie die öffentlichen. "Private universities are just public universities in disguise", schreibt William McMillen, Cheflobbyist der University of Toledo, in seinem neuen Buch From Campus to Capitol: The Role of Government Relations in Higher Education. Die Privaten beziehen gewaltige Subventionen vom Staat, direkt oder indirekt (die hohen Studiengebühren werden oft erst durch Bundeszuschüsse und -darlehen bezahlbar, und die Stiftungen haben große Steuervorteile); sie sind hochgradig reguliert und beziehen ihre Legitimation, ihre "license to operate", durch die Erfüllung eines öffentlichen Auftrags. Überdies haben die Spitzenunis inzwischen erhebliche kommerzielle Interessen, vor allem bei der Vermarktung von Patenten und beim Technologietransfer.

Fragmentierung der Lobby-Landschaft

Die Verbändepolitik hat nach wie vor einen wichtigen Einfluss - mit zunehmenden Verwerfungen allerdings. Die elitären Privatunis stellen rund die Hälfte der Mitglieder des einflussreichen Verbandes AAU, einem der "Big Six" der Hochschullobby. Die AAU hat zwar nur rund 60 Mitgliedsuniversitären , aber diese forschungsstarken Unis produzieren rund die Hälfte der Doktorgrade in den USA und erhalten auch die Hälfte aller Forschungsmittel.

Neben der AAU gehören zu den "Big Six" NAICU (private Hochschulen), AASCU und APLU (öffentliche Staatshochschulen) AACC (öffentliche Community Colleges) und die Dachorganisation American Council on Education (ACE). ACE betreibt zudem das Washington Higher Education Secretariat, das rund 50 Verbände koordiniert. Insgesamt sind in der US-Hauptstadt rund 200 Verbände aktiv, die sich um Hochschul- und Forschungspolitik kümmern.

Die "Big Six" haben die Wissenschaftspolitik seit den 1960ern mit einer geradezu europäisch anmutenden, korporatisch und auf Konsens orientierten Verbändemechanik dominiert. Dass es gelang, die Einrichtungen des hochgradig fragmentierten US-Hochschulsystems zu einer "geeinten Front" gegenüber der Politik zu verpflichten, ist schon ein kleines Wunder. Es gelang wohl vor allem deshalb, weil in den ersten Jahrzehnten sehr viel Geld zur Verfügung stand, das nur verteilt zu werden brauchte – und die Politik grundsätzlich das Hochschulsystem nicht in Frage stellte.

Seit den 1990ern wird der Konsens immer schwieriger herzustellen, die politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Interessengegensätze werden deutlicher. De facto begehen immer mehr Unis bei ihren Lobbyprojekten Verbandsflucht und suchen alternative Wege über individuelle Politikstrategien. Die großen privaten Forschungsuniversitäten haben daran einen großen Anteil: Sie haben die Mittel und die Wege, um auch ohne die Verbände ihre Ziele durchzusetzen.  

Die Fragmentierung nimmt zu. Das kann nicht überraschen:

Der tertiäre Bildungssektor ist, gemessen an deutschen Verhältnissen, unvorstellbar groß. Die rund 4.400 Einrichtungen, die akademische Abschlüsse vergeben, immatrikulieren knapp 20 Mio. Studenten und haben 3,6 Mio. Beschäftigte; die Budgets liegen bei über 430 Mio. Dollar jährlich (US Census, 2011 und US Department of Education, NCES, 2009). Rund 1.600 private Non-Profit-Hochschulen sowie etwa 1.000 private kommerzielle Einrichtungen stehen etwas mehr als 1.600 öffentlichen Institutionen gegenüber. Die privaten Institute haben etwa 5 Mio. Studenten, also deutlich weniger als die öffentlichen, unter denen es - wie in Deutschland - zahlreiche "Massenuniversitäten" gibt. 

Bei der Spitzenforschung sind die privaten Spitzenunis deutlich dominanter als in der Lehre. In einer Studie über "Top American Research Universities" hat das Center for Measuring University Performance an der ASU untersucht, welche Unis nach typischen Leistungsindikatoren der Forschung spitze in den USA sind. Von den 88 Unis, die in den Top 25 der USA bei mindestens einem der Indikatoren stehen, sind immerhin 35 Privathochschulen (non-profit). Nicht überraschend stehen ganz oben - auch vor den öffentlichen Unis - vertraute Namen wie Columbia, MIT, Stanford, Harvard, Penn, Duke, Yale (MUP 2009 Annual Report).
  • Zu den Indikatoren gehören die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung, der Anteil an den hochgradig kompetitiven Bundes-Forschungsmitteln, die Zahl der Professoren, die Mitglieder der nationalen Wissenschaftsakademien sind, die Zahl der prestigeträchtigen Forschungspreise, die Leistungsstufen der Studenten, die Zahl der vergebenen Doktorgrade, die Zahl Postdoktoranden-Stellen, der Umfang der Uni-Stiftungsvermögen und der eingehenden Spenden.
Geld, Geld, Geld

Fast immer geht es bei der Privatuni-Lobby ums Geld, vor allem in vier Bereichen: 
  • Fördermittel für die Forschung, vor allem des Bundes,
  • Bundes-Zuschüsse und Darlehen für Studierende (student aid), 
  • die Gesundheitspolitik (wegen der wichtigen Medizinforschung, wegen der Einnahmen für die Uniklinika, und weil die Unis als große Arbeitgeber die Krankenversicherung bezahlen müssen)
  • und die Steuerpolitik, weil die Vermögensverwaltung und kommerziellen Aktivitäten der Privatunis hochgradig steuerrelevant sind.
Die Privatunis sahen in der Finanz- und Wirtschaftskrise ihre Stiftungsvermögen dahinschmelzen und die Einnahmen aus Studiengebühren wegbrechen. Obamas Krisenpaket für die US-Wirtschaft war darum ein wichtiges Lobbyziel für die Unis. Von rund 790 Mrd. Dollar bekamen Forschung und Entwicklung an Hochschulen rund 21 Mrd. ab, als der "American Recovery and Reinvestment Act" (ARRA, auch als "Stimulus" für die Konjunktur bekannt) 2009 verabschiedet wurde, wie man auf der Internetseite ScienceWorksforUS sehen kann. Der Anteil der Bildungsinvestitionen am ARRA insgesamt ist mit über 140 Mrd. Dollar sogar noch viel größer, geht aber zu einem großen Teil in die Schulen.

Die Bandbreite der politischen Interessen in Forschung und Technologie ist groß. Darunter sind
  • wirtschaftliche Interessen im Bereich des geistigen Eigentums (Patente/Lizenzen, Urheberrecht usw.), Technologietransfer-Initiativen, regionale Wirtschaftsentwicklungsförderung (Cluster à la Silicon Valley, North Carolina Research Triangle, Boston-Cluster) und Public-Private Partnerships;
  • gesetzliche Einschränkungen und Regulierung der Wissenschaft, etwa bei der Stammzellforschung und Tierversuchen; bei der Netzneutralität des Internets, Datenschutz und Berichtspflichten, Fragen der IT-Sicherheit und Sicherheitspolitik (hier zeigt sich auch die hohe Bedeutung der Zusammenarbeit von Unis, Militär und Sicherheitsbehörden;
  • und eine Vielzahl von Themen wie bei der Einwanderungspolitik (Visa für ausländische Wissenschaftler und Studenten), Medizinerausbildung, Antidiskriminierungspolitik u.a.
In welchen Politikbereichen die Privatunis lobbyierten, lässt sich dank des Lobbyistenregisters bei Datenbanken wie opensecrets.org leicht nachvollziehen, und zwar im Detail von Gesetzentwurf zu Gesetzentwurf. Beispielsweise das Washingtoner Büro der Harvard University: Bildungspolitik war für dieses in den Pflichtberichten 2010 nicht das am häufigsten genannte Politikfeld, sondern vorrangig Forschung und Technologie, Steuerpolitik, Einwanderung, Krankenversicherung, Kunst und Kultur sowie geistiges Eigentum; außerdem Energiepolitik und natürlich der Bundeshaushalt. Dafür wurden die Harvard-Politikprofis vorrangig beim Kongress, aber auch bei zahlreichen Ministerien, beim Weißen Haus und sogar bei der Börsenaufsicht vorstellig.

Die Budgets fürs direkte Lobbying sind ebenfalls weitgehend öffentlich. Harvard etwa gab 2009 über $600.000 für sein Bundes-Lobbying aus, im ersten Dreivierteljahr 2010 meldete die Uni bereits $460.000. Damit lag Harvard keineswegs an der Spitze aller Unis, wie die Übersicht zeigt.

Einzirkelung der Politik: Unibüros in Washington

Harvard unterhält ja auch "nur" ein 5-köpfiges Team in Washington. Große öffentliche Unis - wie die Hochschulverbünde von Kalifornien, New York und Texas - beschäftigen durchaus ein Dutzend Köpfe in der US-Hauptstadt. Unter den Privatunis liegt Harvard aber ganz vorn.

Inzwischen haben Dutzende von Unis ein eigenes Verbindungsbüro in Washington. Hunderte lassen sich zudem ständig oder projektweise von Politikberatern auf Honorarbasis unterstützen. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass die Bundesbüros der Privatunis in D.C. oft nur einen Steinwurf von den Entscheidungszentren entfernt liegen (Abb. links, eigene Darstellung, Kartenbasis GoogleMap). Einige Privatunis leisten sich ganze Gebäude, in denen dann allerdings nicht nur der politische Stab sitzt, sondern auch Büros für Gastwissenschaftler (die gern und gezielt als Experten für Anhörungen in Kongress und Behörden vermittelt werden), Veranstaltungsräume für Seminare und Alumni (von denen es in Washington sehr viele gibt - oft in einflussreichen Positionen) und sogar Wohnheimzimmer untergebracht werden.

"Bringing home the bacon"

Um die Lobbyarbeit der Hochschulen wird seit längerer Zeit auch kontrovers gestritten. Auch innerhalb der Hochschulszene. Neben den sehr unterschiedlichen Zugangschancen zu politischen Entscheidern, Interessenkonflikten und der Verquickung von Wirtschaft und Wissenschaft sowie Sicherheitsbehörden und Wissenschafts geht es oft um die "Earmarks". Das sind Haushaltsvorlagen, die jenseits des ordentlichen Haushaltsverfahren von Kongressabgeordneten in diverse Gesetze geschmuggelt werden. Meist zugunsten ihres eigenen Wahlkreises oder Heimatstaates. Das ist kein Kleinkram: Jährlich werden rund 2 Mrd. Dollar für über 2000 Einzelprojekte eingefügt, und in den letzten Jahren sind Präsident und Fraktionsführungen immer wieder daran gescheitert, diese "Earmarks" zu begrenzen oder gar zu verhindern. Kein Wunder: Öffentliche und private Unis geben viel Geld fürs Lobbying aus, um ihre Parlamentarier zu bearbeiten – neben Infrastrukturprojekten (beispielsweise Alaskas berühmte "Brücke nach Nirgendwo") sind Hochschulprojekte Lieblinge der Wahlkreiskümmerer. "Bringing home the bacon" nennt man das, oder "pork" - die Schweinespeck-Metapher beschreibt eine gängige Praxis. Damit werden beispielsweise Wissenschaftszentren, Forschungs- und Weiterbildungsprojekte finanziert.

Die privaten Forschungsuniversitäten haben dabei erhebliche Bauchschmerzen. Denn diese Art der Wissenschaftsförderung entzieht zunehmend den regulären Fördertöpfen Geld. Während die großen Bundesetats für Forschungsmittel ihre Gelder ausschließlich im formalen Wettbewerb nebst wissenschaftlicher Begutachtung vergeben (und die Spitzenunis bekommen davon sehr, sehr viel), wird über die "Earmarks" praktisch nur politisch entschieden. Letzteres gefällt natürlich allen (öffentlichen wie privaten) Unis, die in der Hackordnung der wissenschaftlichen Exzellenz weiter unten stehen und weniger Chancen bei den formalen, kompetitiven Forschungsausschreibungen haben. "Earmarks" sind für kleinere und weniger forschungsstarke Unis die einzige Chance, von der US-Regierung größere Summen für Projekte und Wissenschaftlerstellen zu erhalten.

Dagegen wehren sich die Spitzen-Forschungsunis seit Jahren. Es gehört zur offiziellen Politik, die "Earmarks" als nicht-wissenschaftlich legitimierte Subventionen grundsätzlich abzulehnen und sich auch nicht um solche lobbyistisch zu bemühen (siehe dazu die Statemenst der Duke University und Yale University). Allerdings kommt es vor, dass die Hochschulleitung entdeckt, dass sich entgegen der offiziellen Linie einzelne Institute und Professoren oder ausgelagerte Uni-Unternehmen um eben solche "Earmarks" bemühen - was die Glaubwürdigkeit oftmals erschüttert hat.

Die Uni-Lobbyisten im Web

Fast alle Privatuniversitäten veröffentlichen eigene Internetseiten über Personal, Struktur und politische Schwerpunkte ihrer Politikstäbe und Verbindungsbüros. Eine Auswahlliste:

Literatur zum Hintergrund:
Althaus, M. (2007, März). Die Campus-Lobbyisten – Wie Amerikas Hochschulen professionell ihre Interessen vertreten. Public Affairs Manager 2(3), 213-229. 
Cook, C. E. (1998). Lobbying for Higher Education. How Colleges and Universities Influence Federal Policy. Nashville: Vanderbilt University Press.
McMillen, W. (2010).  From Campus to Capitol: The Role of Government Relations in Higher Education. Baltimore: The Johns Hopkins University Press.



    Ministerien brauchen Hilfe: "Gesetzgebungsoutsourcing"

    Gesetzgebungsoutsourcing ist die „im Einzelfall vorgenommene Vergabe von Gesetzgebungsentwürfen an externe Dritte“, formuliert der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Axel Filges, in einem interessanten Aufsatz. Den hat VerbändeTalk-Blogger Dirk Günther entdeckt. „Gesetzgebungsoutsourcing – ein neues Berufsfeld für Rechtsanwälte?“ lautet der Titel eines Vortrags vom September 2010 am Institut für Gesetzgebung und Verfassung an der Humboldt-Universität Berlin, der nun in den BRAK-Mitteilungen erschienen ist.

    Was "outsourcen" Staat und Kommunen heute nicht alles: IT, Liegenschaften, Reinigung, Kantinen, Druckerei, Fuhrpark, technische Wartung, Kommunikations-, Beratungs-, Finanz-, Personal- und Sicherheitsdienstleistungen, diverse Dinge der Daseinsvorsorge. Und der Sozialstaat ist bei uns auch ein Outsourcingstaat, in dem Wohlfahrtsverbände und gemeinnützige Einrichtungen vieles tun, was eigentlich Staatsaufgabe ist. Alles nachvollziehbar, will sich doch auch die Verwaltung auf Kernkompetenzen konzentrieren, Motto: Do what you do best, outsource the rest. Der Idee folgen viele Länder; laut OECD liegt die Outsourcing-Quote in den Industrieländern seit 20 Jahren bei rund 45% (OECD, Government at a Glance 2009). Wobei Outsourcing von einfacher Auftragsvergabe bis zu Privatisierung öffentlicher Betriebe reicht.

    Bisher war aber zumindest in Deutschland Konsens, dass alles Hoheitliche tabu ist.
    Gesetzentwürfe schreiben erscheint ziemlich hoheitlich. Und wenn das keine Kernkompetenz von Ministerien ist, was bleibt dann eigentlich noch?

    Die Frage ist wichtig. Zu Recht gab es in den vergangenen Jahren heftige Diskussionen über die Praxis einiger Ministerien, sich Entwürfe von Großkanzleien ("law firms") wie Linklaters oder Freshfields schreiben zu lassen. Die Watchdog-Organisation LobbyControl hält das für hochproblematisch und beschäftigt sich mit dem Phänomen in ihrer Lobbypedia.

    Allerdings sollte man bei aller Kritik bedachtsam bleiben. Die Verwaltung holt sich – wie Unternehmen und NGOs auch – für vielerlei Projekte Berater ins Haus. Beratung ist legitim und oft wertvoll. Warum nicht auch bei Gesetzentwürfen?

    Wie die Regierung das „innere Gesetzgebungsverfahren“ organisiert, ist im Wesentlichen ihre Sache. Wenn Sie eine Gesetzesinitiative ergreift, tut sie das formal ohnehin als Kabinettsbeschluss. Das einzelne Ministerium muss seinen Entwurf, wie auch immer er zustande gekommen ist, durchs Kabinett bringen. Geschieht das, übernimmt die gesamte Regierung dafür die Verantwortung.

    Outsourcing war allerdings bisher für die meisten Ministerien kein Thema oder nur eine Randerscheinung. BRAK-Chef Filges weist auf ein Bundestagspapier (Ds. 16/14133, Antwort auf eine Kleine Anfrage) hin, nachdem nur an 61 Gesetzen zwischen 1990 und 2009 externe Berater mitwirkten. Allein 36 davon in der Verantwortung des Umweltministeriums, zehn weitere aus dem Verbraucherschutzministerium. Das erste gab dafür 3,6 Mio. für Honorare aus, das zweite 2,1 Mio. Euro. Finanziell war das auch keine allzu große Sache: Ungefähr 6 Mio. Euro (wobei einige Daten fehlen) wurden für Beraterhonorare fällig – in zwei Jahrzehnten. Überdies stellt Filges fest, dass verschiedene Berater kassierten, nicht nur Anwaltskanzleien.

    Filges ist nicht so abenteuerlustig, den Ministerien prinzipiell das Outsourcing der Gesetzesproduktion anzuraten. Er sieht das eher als Unterstützung in Einzelfällen, die Ausnahme, nicht die Regel: empfehlenswert nur „bei dringendem Handlungsbedarf“, wenn „kurzfristig keine ausreichenden personellen Ressourcen mit praktischen Kenntnissen und Erfahrungen“ parat stehen. Und: Rechtlich sei das kein Problem, „solange und soweit die Beamten des Ministeriums diese Vorlagen Dritter umfassend eigenständig überprüfen und der politischen Hausleitung als tauglichen Vorschlag empfehlen können.“

    Grauzone zwischen Beratung und Interessenvertretung

    Filges geht es um „Komplettauslagerung ministerieller Tätigkeit auf externe Dritte“. Was Gesetzgebungsoutsourcing laut Filges nicht ist:
    • (a) Lobbying, bei dem externe Interessenvertreter in Stellungnahmen zu einem Entwurf abgeben, die dann einfließen – hier nennt Filges aber nicht die ebenfalls gängige Praxis, dass Interessengruppen schon vorab ganze Textpassagen beisteuern; 
    • (b) die vorübergehende Beschäftigung externer Berater zwecks Mithilfe an der Gesetzgebung im Ministerium selbst und 
    • (c) Beratung durch unparteiliche, unabhängige Sachverständige – wobei Filges realistisch sagt,
    „in der Praxis lässt sich die Trennung von Sachverständigen, Interessenvertretern und Betroffenen jedoch kaum durchhalten. (…) Der Interessenvertreter kann auch derjenige sein, der den meisten Sachverstand aufweist, also sachverständiger Interessenvertreter ist. Auch wenn die Grenzen zwischen diesen Personen fließend sind, ist allen doch gemeinsam, dass sie lediglich an der Entscheidungsvorbereitung für einen bereits vorhandenen Gesetzentwurf teilnehmen, nicht aber an der Entscheidungsfindung selbst. Freilich sind auch hier die Grenzen zwischen einer entscheidungsunabhängigen, einer entscheidungspräformierenden und einer faktisch entscheidungsersetzenden Beratung fließend. Aber sachverständige Beratung setzt gleichwohl in der Regel einen bereits durch politischen Gestaltungswillen geschaffenen Ministeriumsentwurf voraus, sieht man einmal von der Vorfeldberatung ab, ob ein Regelungsbedarf besteht.“
    Beim Gesetzgebungsoutsourcing, so Filges, „findet kein sachverständiger Diskurs mit dem Ministerium über die Sachangemessenheit eines Hausentwurfes statt. Vielmehr wird die Erstellung eines Ministeriumsentwurfes aus der Hand gegeben und auf Dritte oder eine Anwaltskanzlei delegiert.“

    Er bemerkt, dass das Misstrauen der Öffentlichkeit auch dadurch begründet ist, dass solche Fälle bisher meist post factum publik wurden. Da liege dann Zweifel nahe, ob der Auftrag mit einem politischen Gestaltungswillen versehen war, also neben dem Regelungsgegenstand Ziel und Inhalte hinreichend bestimmte oder ob der Anwaltskanzlei ein Blankoauftrag nach dem Motto „denkt euch mal was aus“ erteilt wurde.

    Sachlich und personell überforderte Ministerien

    Die Ministerien brauchen Hilfe, zeigt sich Filges überzeugt. Die Beamten hätten oft Anderes und Besseres zu tun, und seien oft in der Sache überfordert. „Die Fachministerien sind aufgrund der Komplexität der Regelungsmaterie nicht mehr in der Lage, mit ihren eigenen personellen Ressourcen in angemessener Zeit auf neu auftauchende Probleme zu reagieren. Der Grund hierfür liegt nicht in dem verbreiteten Vorurteil, den Beamten fehle es an der nötigen Motivation.“ Er nennt das Justizministerium als Beispiel: 513 Beschäftigte, davon etwa 100 Juristen, seien einfach nicht genug für hoch komplexe Regelungsmaterien.  Eine flexible Personalaufstockung sei in der Regel nicht praktikabel. Da sei es „wirtschaftlicher, punktuell zusätzlich externe Fachkenntnisse hinzuzuziehen, als hierfür dauerhaft Personal vorzuhalten“, zitiert Filges die Bundesregierung.

    Wirtschaftlich mag das begründet sein. Der Hase im Pfeffer liegt allerdings in der Gestaltungsmacht eines Beraters, der den gesamten Entwurf schreiben darf. „Verhandelt wird, was auf dem Tisch liegt“, heißt es. Filges meint:
    „Wer einen Entwurf erarbeitet, bestimmt damit faktisch den Rahmen der sich anschließenden Entscheidungsfindung. Die Diskussion dreht sich um den Entwurf. Wozu der Entwurf schweigt, droht in Vergessenheit zu geraten, wenn nicht das Verschwiegene gerade im Fokus einer Interessengruppe steht. Ein überzeugend daherkommender Entwurf führt leicht dazu, dass vorschnell nur noch über Formulierungsdetails gestritten wird und taugliche Alternativen aus dem Blickfeld geraten. Die Federführung bei einem Entwurf kann daher schnell zur Machtfrage werden. Wer schreibt, der bleibt.“

    Sicher, die Beamten und die politische Spitze eines Ressorts müssen prüfen, was sie von ihren Beratern erhalten. Dabei haben sie das wohlverstandene Eigeninteresse, nur einen Entwurf auf den Weg zu bringen, der handwerklich solide ist und das Haus nicht blamiert. Trotzdem: „Die Einhaltung dieser Prüfpflicht ist freilich für Außenstehende nicht wirklich kontrollierbar und dürfte je mehr Misstrauen hervorrufen, desto weniger der spätere Regierungsentwurf vom Ursprungsentwurf der Anwaltskanzlei abweicht“, sagt Filges.

    Der Vorteil der Anwälte

    Er interessiert sich nun für Gesetzgebungsoutsourcing als Aufgabe für Rechtsanwälte. Er weist aber  darauf hin, dass dies auch ein neues Berufsfeld für andere Beratungsunternehmen sei, insbesondere im komplexen Umweltrecht mit seiner Verzahnung aus naturwissenschaftlichen Kenntnissen einerseits und entsprechenden Rechtskenntnissen andererseits.

    In jedem Fall sieht er Anwälte für die Aufgabe prädestiniert – nicht nur als Spezialisten für Norm- und Formfragen, sondern als Experten, die die Materie beherrschen. Und anwaltliche Beraterteams bestünden aus Profis für kurzfristig übernommene und eilige Beratungsaufgaben. Sie seien schnell, flexibel, effektiv.
    „Sie werden nicht hinzugezogen, weil sie die Gesetzgebungstechnik besser beherrschen würden als Ministerialbeamte, sondern weil sie aus langjähriger Befassung mit betroffenen Mandanten die materiellen Probleme der Rechtsmaterie besser kennen als es ein vom Schreibtisch – theoretisch – agierender Ministerialbeamter könnte. Gesetzgebungstechnik – also wie ein Rechtsbefehl technisch sauber formuliert wird – beherrschen die Mitarbeiter in  Gesetzgebungsministerien in der Regel besser als Rechtsanwälte, da sie mit dieser Materie täglich vertraut sind. Die Defizite der Ministerialverwaltung liegen daher zumeist im materiellen Recht, weil die Ministerialbeamten nicht mit den konkreten Auswirkungen eines Gesetzes oder einer Gesetzesänderung befasst sind. Sie sind eher Theoretiker (oder waren mal in früheren Zeiten Richter) und kriegen Probleme allenfalls dann mit, wenn Betroffene konkrete Eingaben oder Petitionen an sie richten. Der Rechtsanwalt hingegen ist tagtäglich mit den konkreten Rechtsproblemen von Mandanten beschäftigt, die ein bestimmtes Gesetz hervorruft. Er ist daher auch in der Lage, die Probleme zu beschreiben und in eine gesetzgeberische Lösung zu überführen.“
    Interessenkonflikte und Transparenz als Lösung

    Des Pudels Kern: Interessenkonflikte. Filges mogelt sich um die Frage nicht herum. Er benennt das Problem, dass das Gemeinwohl möglicherweise beeinträchtigt wird, weil die Anwälte die Interessen ihrer Stammmandanten aus Industrie und Wirtschaft im Kopf haben könnten. Filges meint aber, diese Erfahrung mit anderen Klienten sei ja nun der wesentliche Grund, weshalb Kanzleien hinzugezogen würden. Das sei zudem nur ein „abstrakt-genereller Rollenkonflikt“. Solange sich das Ministerium gerade mit einem anderen Kanzleimandanten im Rechtsstreit befinde, liege eine Interessenkollision nicht vor. „Der gesetzgebende Anwalt nimmt ein anderes Mandat wahr als der konventionell beratende Anwalt.“

    Immerhin räumt Filges ein: „Die Gefahr einer Abwägung der Interessen der dauerhaft beratenen Mandanten gegenüber den Interessen der zum konkreten Gesetzesvorhaben einmalig beratenen hoheitlichen Gewalt lässt sich nicht leugnen.“

    Die Lösung: größtmögliche Transparenz. Beispielsweise in Form einer  Offenlegungspflicht für die früheren einschlägigen Mandatsbeziehungen. Oder zumindest, ohne Nennung von Mandantennamen, eine Offenlegung, wie viele Beratungs- und Prozessmandate mit ähnlicher Rechtsmaterie sie in einem bestimmten Zeitraum vor Auftragserteilung (beispielsweise fünf Jahre) bearbeitet hat. 
     „Die Beauftragung von Anwaltskanzleien zur Gesetzesvorbereitung muss öffentlich gemacht werden; Geheimnistuerei ist hier fehl am Platz. Dabei sind auch der Gegenstand und der Umfang des ministeriellen Auftrages anzugeben, damit die fachinteressierte Öffentlichkeit kritisch überprüfen kann, ob die politischen Vorgaben eingehalten wurden oder ob nicht doch an einigen entscheidenden Stellen die Weichen anders gestellt wurden. Damit ist zugleich auch gesagt, dass die politische Zielvorgabe eines Regelungsentwurfes zwingend aus der Politik, also hier aus dem Ministerium kommen muss. Die Anwaltskanzleien werden als Sachverständige mit einem bestimmten Auftrag herangezogen. Sie können und dürfen deshalb nicht den politischen Gestaltungswillen selbst ausüben. Nur bei einer politischen Zielvorgabe kann das Ministerium den Fremdentwurf daraufhin überprüfen, ob diese eingehalten wurde.“
    Eine Offenlegung der Honorare findet Filges durchaus „heikel“ mit Bezug auf die Wahrung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.  Allerdings meint er, dass es nicht wettbewerbsschädlich sei, wenn die Gesamthonorare veröffentlicht würden – daraus lasse sich ja praktisch nichts über Einzelleistungen und sensible Betriebs- und Geschäftsdetails ablesen. Seine diplomatisch formulierte „Frage, ob das Transparenzgebot nicht dazu führen sollte, die Beauftragung externer Dritter von ihrem Einverständnis zur Publikation des Gesamthonorars abhängig zu machen“, darf man als Plädoyer dafür verstehen.

    Wer die Decke des Schweigens über die „finanziellen  Vorteile“ breitet, sorgt „im politischen wie rechtspolitischen Raum immer wieder [für] Misstrauen in die Objektivität und Unabhängigkeit der Bedachten, mögen die Mutmaßungen auch noch so unberechtigt sein.“

    Fazit

    Alles in allem ein bedachter, für die BRAK selbstkritischer und überraschend ehrlicher Aufsatz. Zentrale Botschaft an die Anwaltskanzleien und den Rest der Beraterszene: Gesetzgebungsoutsourcing lässt sich als Geschäftsfeld nur entwickeln, wenn man mehr politische Akzeptanz herstellt. Und das geht nur mit Transparenz und ein paar anderen Spielregeln sowie Sensibilität für legitime Kritik.

    Fakt ist allerdings auch, dass Anwaltskanzleien, die regelmäßig für die Regierung arbeiten, aufgrund ihrer Kontakte auch als Lobbyisten für Unternehmen und Verbände immer attraktiver werden. Kein Wunder, dass andere Lobbyberater - etwa Kommunikationsagenturen und Politikberatungsgesellschaften - diese Konkurrenz sehr kritisch sehen. Und befürchten, dass sich die Anwälte mit Berufung aufs Anwaltsgeheimnis den Transparenzpflichten entziehen, wie es beim EU-Lobbyistenregister geschehen ist und von der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (degepol) sowie zahlreichen Watchdog-Organisationen beklagt wurde.


    Leider ist die öffentliche Debatte über das Thema inzwischen versandet. Roland Schimmel, Professor an der FH Frankfurt am Main, hat das jüngst in der Legal Tribune bedauert, 
    "weil ein paar Fragen offenbleiben, die anwaltliche Standesvertreter und leitende Ministerialbeamte in eigener Sache nicht beantworten können:
    • Gehören die wenigen einschlägigen Regelungen tatsächlich in die Geschäftsordnungen oberster Bundesorgane oder ins Standesrecht der Rechtsanwälte?
    • Ist der Bundesrechnungshof das einzige geeignete Kontrollgremium?
    • Sind Schnelligkeit des Gesetzgebungsverfahrens und Kostenoptimierung Merkmale guter Gesetzgebung?
    • Ist die Grenze zum unerwünschten Lobbyismus wirklich so trennscharf zu ziehen?
    Auch wenn die Empörung mittlerweile verflogen ist, bleibt ein schaler Nachgeschmack. Die Vorstellung, dass die Rechtswissenschaftler der Zukunft die Motive des Gesetzgebers aus den Akten eines Anwaltsbüros rekonstruieren werden müssen, ist von der Idee eines demokratischen und also transparenten Gesetzgebungsverfahrens recht weit entfernt."
    Schimmel bohrt in der richtigen Wunde.



    SPD-Initiative zum Outsourcing


    Die "Netzwerker" der SPD-Bundestagsfraktion haben im Dezember 2010 einen Antrag "Mehr Transparenz wagen – Lobbyismus einen Rahmen geben", der sich auch auf das Gesetzgebungsoutsourcing bezieht. In einem "Gesetz über die Vertretung von Interessen gegenüber dem Deutschen Bundestag und den Bundesbehörden (IntVertG)" sollte neben einem Verhaltenskodex für Minister, einem "Transparenzvorbehalt" in den Geschäftsordnungen von Parlament und Regierung und einem Lobbyistenregister auch der Einsatz externer Berater bei Bundesministerien geregelt werden. Dabei beziehen sich die Sozialdemokraten auch auf Empfehlungen des Bundesrechnungshofes vom 25. März 2008.

    "Wichtiger und benötigter externer Sachverstand" dürfe nicht verloren gehen. "Insbesondere Bereiche, in denen komplexe technische, rechtliche oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Arbeit der Bundesministerien zu beachten sind, erfordern Fachwissen, das für die sachgerechte Erfüllung spezifischer Aufgaben unabdingbar ist", heißt es. Die Netzwerker fordern jedoch:
    • regelmäßige öffentliche Debatten im Bundestag über die Berichte der Bundesregierung über den Einsatz externer Personen in der Bundesverwaltung;
    • Veröffentlichung der Berichte im Internet;
    • analog zu einer EP-Initiative jedem Gesetzentwurf eine „legislative Fußspur“ beizufügen, d.h. Angaben, "ob und wenn ja welche externen Personen einen signifikanten Beitrag bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs geleistet haben";
    • die Kontrolle durch den Haushaltsausschuss zu sichern;
    • dass diese Funktionen nicht von externen Beschäftigten wahrgenommen werden:
      • federführende Formulierung von Gesetzesentwürfen und anderen Rechtsetzungsakten,
      • leitende Funktionen und Funktionen in Leitungsbereichen des jeweiligen Bundesministeriums,
      • Aufsicht über die entsendende Stelle,
      • Vergabe öffentlicher Aufträge und
      • Funktionen, die konkrete Geschäftsinteressen der entsendenden Stelle berühren;
    • der Status als externer Beschäftigter ausnahmslos bei allen dienstlichen Innen- und Außenkontakten deutlich wird,
    • zu begründen und zu dokumentieren ist, warum einWissenstransfer notwendig ist und welche konkreten Fachkenntnisse benötigt werden,
    • die Auswahl von externen Beschäftigten offen gestaltet wird, indem der geplante Einsatz in angemessenerWeise bekannt gemacht wird und das Bundesministerium die fachliche Eignung und den potentiellen Beitrag für einen Wissenstransfer festzustellen hat;
    • ein Einsatz über mehr als sechs Monate Dauer die Ausnahme bleibt.
    Es bleibt zu wünschen, dass 2011 mehr über das Thema ernsthaft gesprochen wird. Einige neue Spielregeln sind nötig.

    Literaturhinweise

      Mittwoch, 19. Januar 2011

      Politikagentur J+K inspiriert wohl TV-Atomschocker "Restrisiko"

      Ähnlichkeiten sind rein zufällig: Drehbuchautoren sammelten Stoff für die fiktive Beratungsfirma eines Atomenergiekonzerns – ein paar Dinge erinnern an das reale Unternehmen Johanssen + Kretschmer 


      Sat1 hat gestern den TV-Film "Restrisiko" ausgestrahlt. Zwei Millionen Euro hat der Streifen gekostet, rund zwei Millionen Zuschauer sahen ihn. Ein außerordentlich aufwändiger Film (u.a. gedreht im österreichischen AKW Zwentendorf, das nie ans Netz ging) und für einen Privatsender ein hochpolitisches Signal.

      Über die Story über den GAU in einem fiktiven Atomkraftwerk "Oldenbüttel" bei Hamburg  ließe sich vieles sagen. Bei den Politik-Details mussten sich stellenweise die Haare sträuben – seit wann sind parlamentarische Untersuchungsausschüsse in der Lage, über Laufzeiten und Betriebsgenehmigungen von Atomkraftwerken zu entscheiden?

      Amüsant für Kenner dagegen die Figur des Kommunikationsberaters und Lobbyisten Steffen Strathmann, der von Matthias Koeberlin gespielt wird. Der Schauspieler selbst sagt auf der Sat1-Website zum Film:
      "Ich hoffe, wir halten mit diesem Film die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Atomkraft am Leben, auch wenn das für einen Film ein übergroßer Anspruch ist. Vielleicht wird ein Interesse geweckt und ein Szenario aufgezeigt, das es unseren Regierenden schwerer und schwerer macht, mit fragwürdigen Entscheidungen durchzukommen."
      Der Typ Strathmann: ein zynischer Profi, der anfangs reichlich gelackt und unsympathisch daherkommt, aber mit der Zeit zum Sympathieträger wird und am Ende gegen den eigenen Kunden - den AKW-Betreiber - arbeitet; allerdings auch selbst verstrahlt wird und sterben muss. Ein unwahrscheinlicher Held und Märtyrer.

      Ähnlichkeiten sind ja bei Filmproduktionen immer "rein zufällig", aber mit etwas Phantasie darf man vermuten, dass für die Figur Strathmann Heiko Kretschmer von  Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation, einer der führenden Public-Affairs-Agenturen in Berlin, Pate stand... (die Brille weg, den Bart etwas fülliger, die Frisur etwas anders – wenn man die Augen zusammenkneift, kann man sich das einreden) und das Unternehmen selbst ebenso.

      Die Figur Stratmann wird im Film eingeführt bei einer Bauerndemonstration vor einem Regierungsgebäude. Bauern kippen Milch auf die Straße, Kühe muhen, in Begleitung Stratmanns tritt eine Sprecherin des Landwirtschaftsministers vor die wütenden Landwirte mit einer offenbar guten Botschaft für die Bauern. Ein fröhlicher Verbandschef mit bayerischer Färbung bedankt sich mit einem Glas Milch in der Hand bei Strathmann: "Jo, der Herr Strathmann. Vielen herzlichen Dank für die Lobby. Ich mein natürlich die Überzeugungsarbeit, die Sie geleistet haben Darauf trinken wir." Strathmann: "Ich bin auch wirklich stolz darauf, dass ich die Regierungskommission vom Wert einer Extraportion Milch überzeugen konnte."

      Das war offenbar eine bewusst gewählte Reminiszenz an die von ähnlichen Bildern geprägte "Faire Milch"-Kampagne des Bundesverbands der Deutschen Milchviehhalter (BDM) 2009, die die Agentur Johanssen + Kretschmer begleitete. Ein cleverer Schachzug und Paradebeispiel für innovative PA-Beratung war damals die Bildung einer Aufsehen erregenden Koalition zwischen der Milchlobby und NGOs wie dem BUND, dem Deutschen Tierschutzbund, Germanwatch und Oxfam.
      Der Name der fiktiven Kommunikationsberatung "Morgenthal + Bremer" wirkt sprachlich nicht weit entfernt von "Johanssen + Kretschmer". Die Szenen im modern gestalteten Eingangsbereich eines Hochhauses und im Agenturbüro wirken ebenfalls vertraut und erinnern an die J+K-Büros im Beisheim-Center am Potsdamer Platz... und selbst das blau-grüne Logo "M+B" vermittelt Assoziationen zum Vorbild "J+K".

      Morgenthal + Bremer arbeitet für einen Energiekonzern und, so wird angedeutet, für den "Verband für Kernenergie" in Berlin. In der Wirklichkeit hat Johanssen + Kretschmer wichtige Agenturkunden aus dem (auch nuklearen) Energiesektor.

      "Wie berät man kommunikativ eine Branche, die von Politikern, Verbraucherschützern und ihren Kunden massiv angegriffen wird?" ist die Ausgangsfrage einer J+K-Selbstbeschreibung in der Kampagnendatenbank PR Report, wo dargelegt wird, wie J+K für den Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW, seit 2007 BDEW) ein Issues-Management-System mit täglichen Berichten zur Medienagenda, Medienresonanzanalysen und Datenbankfunktionen entwickelte.

      Das computergestützte Monitoring setzt der Film "Restrisiko" in Szene: Beim "Verband für Kernenergie" durchsuchen in der Nacht zahlreiche Computer automatisch die Pressedatenbanken nach Medienberichten über Störfälle.

      Undercover darf die AKW-Ingenieurin dank Berater Strathmann später die Datenbanken in seiner Firma "Morgenthal + Bremer" nutzen, um an behördeninterne Unterlagen zu kommen. "Damit bekommst du alles, vom Latte Macchiato bis zum Protokoll der letzten Kabinettssitzung im Kanzleramt", sagt Strathmann, als er der gegen den eigenen Arbeitgeber ermittelnden Ingenieurin die Karte mit dem Zugangscode für die Datenbank übergibt.


      Im Film sind die PR-Leute recht fleißig, als die ersten Krisen kommen. Strathmann konzipiert nach dem ersten Störfall (ein Trafobrand wie beim AKW Krümmel) eine Imagekampagne mit Plakat-Testimonials der Mitarbeiter des AKW, die auf einer von Strathmann moderierten Pressekonferenz im Hamburger Hotel Atlantic präsentiert wird.  (Abbildung links: Filmausschnitt).


      Auch in der realen Kampagne bekannten sich in Anzeigen drei AKW-Mitarbeiter aus Biblis, Isar und Philippsburg zu den Sicherheitsstandards und menschelten in ihren Testimonials (Abbildung rechts, Quelle). 

      Die zur Print-Reihe gehörende Kampagnen-Microsite sicher.kernenergie.de (gehört zum weiter bestehenden Webauftritt http://www.kernenergie.de) ist im Internetarchiv WayBackMachine zu finden. "Es ist ein Versuch, sich zu dieser Energieform zu bekennen und deutlich zu machen, dass es eine sichere Form der Energiegewinnung ist - ohne zu provozieren", sagte Kretschmer damals dem Branchenblatt Horizont. Ein Artikel vom PR Report dazu steht auf der Homepage von J+K – für die Drehbuch-Rechercheure offenbar ein hilfreiches Fundstück.

      Nun, so viel Zufall war nie. Man wird schon nachdenklich. Der Wandel des Film-Beraters Strathmann zum Anti-Atom-Streiter ist so ein Grund zum Nachdenken. Auch er habe "seine Prinzipien", sagt er in einer Schlüsselszene. Statt die Machenschaften des Energiekonzerns zu vertuschen, hilft er der AKW-Mitarbeiterin beim Aufdecken des Skandals. Bei "Morgenthal + Bremer" fliegt er genauso auf wie die Ingenieurin, die er in die eigene Firma geschmuggelt hat. Er leitet die internen Dokumente, während schon Soldaten Gewehre auf ihn richten, online an die Presse weiter. Und weil er selbst ins verstrahlte Gebiet fährt, um die Protagonistin zu retten, wird er zum Strahlenopfer, spuckt blut – und am Filmende klemmen Frau und Kinder sein Foto an einen Baum, an dem schon viele Todesanzeigen hängen. Das Sprachrohr der Atomwirtschaft, ein Opfer unter vielen.

      Trotz der kruden Story: Reichlich Stoff für eine Diskussion über die professionelle Ethik eines Kommunikations- und Politikberaters. Das müsste dem Ethikbeauftragten der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (degepol) eigentlich gefallen. Sein Name ist übrigens Kretschmer.

      P.S.

      Übrigens: Heiko Kretschmer stellt ausdrücklich fest, dass weder die Autoren des Films, noch SAT 1 oder dritte Personen jemals Kontakt zur Agentur Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation hatten. 

      Filmzitate 

      Szene Betriebsversammlung in der Kantine des Atomkraftwerks, Strathmann stellt sich den Mitarbeitern vor:
      "Ich habe enormen Respekt vor der Kernkraft. Sie ist effektiv. Sie ist lukrativ. Sie ist die einzige klimaneutrale Form der Energiegewinnung. Und jetzt kommt das Aber.
      Eine Wasserstoffexplosion, die einen Riss im Reaktordeckel verursacht hat. Ein defektes Sicherheitsventil. Die fehlerhafte Simulation des Reaktorsicherheitssystems. Und so weiter und so fort. Ein Trafobrand ist da nichtig, das mag sein. Er ist aber nur ein Teil einer ganzen Serie von Pannen, die sich hier in den letzten Jahren ereignet haben.
      Es tut mir Leid, das sagen zu müssen, aber durch Sie bekommt die Kernkraft ein mieses Image. Und wenn Sie Ihren Gegnern weiterhin so große Angriffsflächen bieten, dann kann es sein, dass Sie trotz verlängerter Laufzeit dauerhaft abgeschaltet werden.
      Gut, Sie werden sagen, dass dann der Strompreis explodiert. Aber das wird er nicht tun, wie wir alle wissen. Es ist auch völlig egal, ob Sie wie bisher eine Million Euro Gewinn pro Tag erwirtschaften oder ob es nach Abschluss der Nachrüstungsarbeiten zwei Millionen sind. Ihre Konzernleitung würde eine Verdopplung ihrer Gewinne vorziehen.
      Und deswegen bin ich hier. Mein Name ist Steffen Strathmann. Ich bin Kommunikationsberater."

      Sicherheitschefin Wernecke: "Kommunikationsberater, ist das eine nette Umschreibung für Lobbyist?"
      Strathmann: "Nette Umschreibungen sind eigentlich nicht ganz mein Stil. Ich denke, das habe ich gerade bewiesen."
      Wernecke: "Ich habe Ihren Namen noch nie gehört. Wie lange arbeiten Sie in der Kernkraft?"
      Strathmann: "Seit etwa zwölf Stunden."

      Szene im Atomkraftwerk. Eine Beamtin der Aufsichtsbehörde verlässt den Raum, Strathmann verabschiedet sich:
      "Bitte grüßen Sie den Ministerpräsidenten ganz herzlich von Herrn Morgenthal."
      AKW-Chef: "Wer ist Morgenthal?"
      Strathmann: "Das ist mein Chef. Den werden Sie aber nicht zu Gesicht bekommen."
      AKW-Chef: "Ach, was müssten wir denn anstellen, damit der Herr sich zu uns herablässt?"
      Strathmann: "Mit Ihrer Ölplattform den Golf von Mexiko verseuchen, zum Beispiel. Oder mit einer Giftgaswolke aus Ihrer Chemiefabrik einige Tausend Menschen in einem indischen Slum töten. Na sehen Sie, so gesehen ist es doch besser, dass mein Chef nicht hier ist."

      Szene im Büro der Sicherheitschefin Wernecke, die Zwangsurlaub nehmen muss:
      Wernecke: "Wenigstens habe ich eine Haltung. Ich verkauf mich nicht an den Meistbietenden."
      Strathmann: "Ach, so wie ich, meinst du. Keine Rechtsextremen, keine Päderasten, keine Befürworter von Gewalt. Auch ich hab' meine Prinzipien, Katja."