Freitag, 5. August 2011

Teersand-Öl: Kanadas Lobby- und PR-Kampagne in Europa

Nicht nur unkonventionelles Erdgas (siehe Blogbeitrag vom 3. August), sondern auch unkonventionelles Öl treibt die Hoffnungen auf sichere Energiequellen und gleichzeitig die Umweltschützer auf die Barrikaden. Im Fokus steht Kanada, das sich dank seiner großen Teersand-Ölreserven schon als Energie-Supermacht sieht. Kanada preist Teersand-Öl als gute Alternative, dessen Umweltbilanz gar nicht so schlecht sei, und vor allem als sicherer als das Öl aus den OPEC-Staaten oder Russland.

Mit der EU allerdings hat das Land erhebliche Probleme. Denn Teersand wird mit großem Energieaufwand und erheblicher Umweltbelastung abgebaut. Darum ist der Abbau EU-Klimaschützern ein Dorn im Auge, sie arbeiten auf ein Teersand-Importverbot hin.

Sollte die EU überdies Teersand wegen hoher CO2-Emissionswerte offiziell als im Vergleich zu konventionellem Rohöl "schlechtere" Ölsorte einstufen, könnte dies die USA dazu verleiten nachzuziehen -- und das besorgt die Kanadier, inzwischen Amerikas Energielieferant Nr. 1, noch mehr als ein geschlossenes Tor zum EU-Energiemarkt. Kein Wunder also, dass Kanada eine intensive Lobby- und PR-Kampagne in Europa für Teersand fährt -- und unverhohlen mit einer harten Gangart bei den laufenden europäisch-kanadischen Freihandelsgesprächen (CETA-Abkommen) droht sowie, sollte es zu einem Importverbot kommen, einer Klage vor der WTO.

Für Wirbel sorgt derzeit ein 28-seitiges Dossier der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth Europe (FOEE, die deutsche Sektion ist der BUND). Das mit 141 Fußnoten bewehrte, von Andy Rowell akribisch recherchierte  "Tagebuch der schmutzigen Teersand-Lobby" (Canada’s dirty tar sands lobby diary, Studie / Pressemitteilung) hat es tatsächlich in sich: Es belegt, dass die Regierungen von Kanada und Alberta, teilweise in Allianz mit Shell und BP, seit gut anderthalb Jahren eine systematische Kampagne führen, um Brüssel und die EU-Mitgliedstaaten von einer "Diskriminierung" ihrer Ölsorte und Gesetzgebungsinitiativen abzuhalten. Kanada hintertreibt offenbar eine kritische Bewertung des Teersands nach der EU-Treibstoffqualitätsrichtlinie (Fuel Quality Directive, FQD).

Der britische Guardian griff das Dossier diese Woche auf, inzwischen macht es seine Runde in der Blogosphäre. Auch beim Forum Umwelt und Entwicklung/Power Shift gibt es dazu einen Hintergrundreport.
FOEE hat die kanadischen Aktivitäten seit September 2009 dokumentiert. Basis waren neben Presse- und Internet-Recherchen sowie Experteninterviews diverse Auskunftsersuchen nach den Informationsfreiheitsrechten (FOI) bei mehreren EU-Generaldirektionen, bei EP-Ausschüssen und bei britischen Ministerien. Offenbar auf Druck der kanadischen Regierung wurde der FOEE zwar die Einsicht in viele Dokumente verwehrt, andere Behörden kooperierten jedoch.  Die NGO beruft sich weiterhin auf vertrauliche Gespräche mit Diplomaten und Abgeordneten, von denen einige von einem "inakzeptablen" Lobbying durch die kanadischen Interessenvertreter sprechen.

FOEE spricht von bewusster Irreführung der politischen Entscheidungsträger, Untergraben unabhängiger wissenschaftlicher Erkenntnisse  und Verzögerungstaktik. Die Kampagne erinnere an die Versuche der Tabakindustrie, gesundheitspolitische Initiativen gegen das Rauchen aufzuhalten.

Wie wichtig das Thema für Kanada ist, lässt sich u.a. an einer Rede „The EU at a crossroads: what it means for Canada“ vom 30. September 2010 ablesen, die Kanadas EU-Botschafter Ross Hornby hielt. Er warf den Kritikern vor, von „emotionalen Appellen und mächtigen Bildern getrieben“, aber schlecht informiert zu sein. Kanada nehme die Regulierung der Ölförderung, das Umweltmanagement und die CO2-Emissionsreduktion sehr ernst -- und werde deshalb unfair behandelt.
„Wir haben ähnliche Kampagnen in Europa gesehen – wie die gegen die Robbenjagd – und wir haben gesehen, wie populäre Kampagnen Fakten verdrehen und dann in EU-Politiken umgesetzt werden, die reale Auswirkungen auf kanadische Interessen haben.
Wir an Kanadas Vertretung bei der EU  arbeiten  sehr hart daran sicherzustellen, dass die politische Debatte auf Fakten beruht. Wir sind keine Apologeten für Teersande, und wir stellen uns den Herausforderungen dieser Förderung, aber wir wollen sicherstellen, dass alle Tatsachen auf den Tisch kommen. Wir sind besonders aktiv bei der EU-Treibstoffqualitätsrichtlinie (…). 
Wir fokussieren unsere Bemühungen darauf, unsere Bedenken gegenüber unseren EU-Partnern zu kommunizieren und so viel technische Unterstützung wie möglich bereitzustellen. Die Natur der EU-Institutionen bringt es mit sich, dass  wir einen strategischen Ansatz benötigen, um Kontakt zu EU-Offiziellen, Mitgliedstaaten und Abgeordneten herzustellen. Wir arbeiten ebenso mit unseren Vertretungen in ganz Europa um abzusichern, dass wir unsere Aktivitäten koordinieren und Informationen über die jüngsten Entwicklungen teilen, während sich die Debatte in Europa intensiviert. Wir erwarten, das dieses Thema für uns weiter eine Herausforderung in den kommenden Jahren sein wird."

Was der Botschafter hier referiert, belegt bereits, wie intensiv und gut geplant die Kommunikationsstrategie Kanadas war und ist.

Kanadas "Pan-European Oil Sands Advocacy Plan"

Laut der Studie hat das kanadische Außen- und Handelsministerium, in Gemeinschaft mit dem Energie- und Rohstoffministerium (Natural Resources Canada) und der Provinzregierung von Alberta, seit anderthalb Jahren eine konzertierte Kommunikationsstrategie umgesetzt. FOEE verweist konkret auf einen vom Mai 2010 datierten "Pan-European Oil Sands Advocacy Plan" des Außenministeriums.

Die wichtigsten Ziele des Plans, die FOEE zitiert: 
  • „Kanadische Interessen in Bezug auf Teersande … zu schützen und zu fördern“, 
  • „Kanadas Image als verantwortungsvoller Energieproduzent und Treuhänder der Umwelt einschließlich der Klimawandel-Thematik zu verteidigen“, und 
  • „diskriminierungsfreien Marktzugang für Teersand-basierte Produkte zu sichern.“ 
Zu den zentralen Botschaften gehört,
  • dass „kanadische Teersande weiter eine Schlüsselrolle in der globalen Energiesicherheit spielen“ und 
  • dass Teersande „eine sichere, verlässliche und ergiebige Energiequelle“ sind.
Koordiniert werden die Aktivitäten von einem "Oil Sands Advocacy Team" in London aus staatlichen und privaten Öffentlichkeitsarbeitern, unterstützt von der britischen PR-Agentur Hanover Communications (London und Brüssel).

Verbündete fand Kanada laut FOEE bei Shell und BP, die in Teersandproduktion investieren, sowie bei der European Petroleum Industry Association (EUROPIA) und der International Association of Oil and Gas Producers (OGP), die beide in Brüssel ihren Sitz haben.
  • FOEE zählte 110 Veranstaltungen und Meetings zur Teersand-Thematik in den vergangenen 18 Monaten, vermutet allerdings eine tatsächlich höhere Zahl - in Brüssel, Straßburg, London, und anderen EU-Hauptstädten. In Deutschland waren Interessenvertreter in Berlin, München und Düsseldorf unterwegs.
  • Länder-Targeting: Als prioritäre Zielländer galten Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Dänemark, die Niederlande, Schweden und Österreich. 
  • Für den kanadischen EU-Botschafter Ross Hornby hatten die Teersande offenbar Top-Priorität, wie aus Reden, Briefen, Gesprächsterminen, Publikationen u.a. hervorgeht. 
  • Kanadische Botschaften quer durch Europa schickten ihre Diplomaten zu Teersand-Fortbildungen beim Team in London, um dann hochrangige Veranstaltungen in den Botschaften ihrer Hauptstädte zu organisieren (so auch in Berlin). 
  • Reisen/Besuche: Prominente Politiker aus Kanada reisten häufig nach Europa, Regierungsvertreter wie auch Parlamentarier. Nicht nur die Bundesregierung in Ottawa war aktiv. Allein vier Minister der Regierung Albertas machten sich binnen eines Jahres zu mehrtägigen Visiten in mehreren EU-Kapitalen auf.  Die Regierung von Alberta schaltete sogar Anzeigen in Brüsseler Polit-Blättern.
  • Ranghohe Gespräche: Teersande waren beim EU-Kanada-Gipfel (Premier Harper/EU-Kommissionspräsident Barroso) ebenso Thema wie bei den Handelsgesprächen zum CETA-Abkommen wie bei den Treffen der europäisch-kanadischen Parlamentariervereinigung und der offiziellen EU-Delegation für die Beziehungen zu Kanada. 
  • Fokus EP: Kanada bemühte sich intensiv um Kontakte zu wirtschaftsfreundlichen EP-Abgeordneten wie den Ausschussvorsitzenden Herbert Reul (CDU) und Philip Bradbourn (Konservative, GB), die FOEE als Verbündete Kanadas ansieht. Das EP steht stark unter Einfluss von Umwelt- und Klimalobbygruppen, Kanada versuchte die Wirtschafts- und Handelspolitiker dagegen in Stellung zu bringen.
  • Reisen nach Kanada ins Fördergebiet: Mehrfach wurden EP-Abgeordnete, Kommissionsbeamte sowie nationale Politiker (auch aus Deutschland) nach Alberta eingeladen -- wo ihnen, wie FOEE meint, aber eine sehr einseitige Sicht präsentiert wurde; kritische Studien wurden ihnen vorenthalten, Begegnungen mit kritischen Umweltwissenschaftlern oder den vom Abbau betroffenen Indianerstämmen seien kaum vorgekommen.
  • Auch zu einigen NGOs nahmen die Kanadier Kontakt auf.
  • Konventionelle Medienarbeit, aber auch Facebook und Twitter wurden einbezogen.Mit Letzterem sind offenbar vorrangig die PR-Website der Provinzregierung von Alberta, "Alberta's Oil Sands" nebst Social-Media-Verknüpfungen und die Tweets auf "Alberta Tellit" gemeint. 
Der Teufel im Detail: Kampf um Methoden und Daten

    Wie so oft im Lobbying geht es zunächst einmal nicht um politische Grundsatzfragen, sondern um scheinbar nur technische Fragen, um Daten und Tabellen, um standardisierte Bewertungskennziffern und andere Details. Diese haben aber erheblichen Einfluss darauf, ob und wie kanadischer Teersand auf die Energiemärkte kommt und welcher Regulierung er unterliegt.

    Auslöser der kanadischen Aktivitäten ist nach Ansicht der FOEE die novellierte Treibstoffqualitäts-Richtlinie (FQD, 2008). Die Richtlinie sieht eine deutliche Absenkung der Emissionen vor. Um die Hersteller darauf festlegen zu können, sind jedoch bestimmte Maßstäbe erforderlich. Dazu sammelte die Kommission im Sommer 2009 in einer Konsultation Stakeholder-Einschätzungen zu konkreten Vorschlägen, wie unterschiedliche Kraftstoffe nach ihrem CO2-„Fußabdruck“ bewertet werden sollen – und der Maßstab sollte nicht allein der Auspuff-Ausstoß am Fahrzeug sein, sondern der gesamte Lebenszyklus des Kraftsstoffs, angefangen bei der Förderung an der Quelle („well-to-wheels“-Ansatz). Teersand-Öl ist kein „normales“ Öl, daher schwer vergleichbar.

    So ging es den Lobbyisten um die Methodik der Bewertung. Die Kommission hatte auf Basis wissenschaftlicher Studien eine separate Bewertung für Teersand-basierte Kraftstoffe vorgeschlagen, deren CO2-Emission pro Energieeinheit deutlich höher lag als die konventioneller Öl-Kraftstoffe. Nicht Kanada protestierte gegen die Abgrenzung von normalen Rohöl, und zwar aus Prinzip; inzwischen schlägt das Land vor, ALLE unkonventionellen Rohölarten separat zu bewerten. Kanada will sich damit gegen andere Herkunftsländer mit neuen Lagerstätten unkonventionellen Öls positionieren (Venezuela,Madagaskar, Kongo, Russland, Jordanien, Nigeria, Angola). Kanada insistiert aber in jedem Fall, dass mehr Studien notwendig seien, um die Bewertung zu prüfen – und konnte erfolgreich die Frist für die abschließende Bewertung (Januar 2011) aufschieben.

    Um an den von der EU-Kommission genutzten wissenschaftlichen Studien Zweifel zu nähren und die Ergebnisse zu relativieen, präsentierte Kanada neue, anders lautende Studien. FOEE bemängelt, diese stammten u.a. von Cambridge Energy Research Associates (IHS CERA), einem Forschungsinstitut, das vorrangig für Auftraggeber aus der Ölindustrie arbeite.

    Politisierung: Grundsatzfragen und Druck auf die Handelsdiplomatie


    Offenbar beließ es Kanada nicht bei den hochtechnischen Expertendiskussionen, sondern suchte Unterstützung bei Politikern, deren Zuständigkeit nicht im Politikfeld Umwelt und Klima liegt. Immer deutlicher wurde im Verlauf der Zeit, dass die Kanadier mit Wirtschafts- und Handelspolitik, Energiewirtschaft und Energiesicherheit argumentierten.

    So verdeutlichten die Kanadier den Europäern, dass Europa zwar kaum Teersand importiere, Teersand für die europäische Energiesicherheit jedoch eine strategische Rolle spiele. Als wichtigster Energielieferant für die USA sei Kanada in einer kritischen Position. Eine Benachteiligung von Teersand könne zu einem verschärften Wettbewerb der USA und der EU um andere Öllieferungen mit sich bringen.

    Die Diskriminierung und Stigmatisierung von Teersand sei unfair – politisch schädlich für die Beziehungen zwischen Kanada und der EU, rechtlich äußerst problematisch. Die Treibstoffqualitäts-Richtlinie müssen kompatibel zum internationalen Handelsrecht, also den WTO-Vorschriften sein. Eine Benachteiligung Kanadas im Wettbewerb mit anderen Ölnationen – von Südamerika über Afrika bis zum Nahen Osten – sei nicht statthaft und auch nach den Emissionen nicht zu rechtfertigen.

    In der Provinz Alberta war stets sehr von Interesse, wie die Regierung in den EU-Angelegenheiten vorankommt, auch im Provinzparlament. Als sich Minister in Parlament und Presse im Frühjahr 2010 dahingehend äußersten, dass man jetzt optimistisch sei, in Brüssel allmählich durchzudringen und insbesondere bei der Kommission Resonanz zu finden, sickerte das schnell nach Brüssel durch – ebenso wie Dokumente, die offenbar der kanadischen Seite bei den technischen Details entgegenkamen. Das verursachte Wirbel bei Europaabgeordneten, die nun verstärkt Fragen stellten, ob die Kommission nun einknicke, womöglich aufgrund des handelspolitischen Drucks. Die Kommissare dementierten.

    Währenddessen wurde das Lobbying mit immer neuen Besuchen, Gesprächen und Veranstaltungen 2010 hochgefahren. So wurden auch gemeinsame Politik-Veranstaltungen mit Ölkonzernen, Energieverbänden und binationalen Handelskammern sowie außenpolitischen ThinkTanks genutzt, um die Teersand-Thematik positiv zu beleuchten.

    Kanada nutzte auch die Aufmerksamkeit für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, um die Ölausbeutung auf dem Festland als unter Umweltaspekten sicherer und ethisch verantwortbarer darzustellen.

    Im Februar stritten sich in der EU-Kommission Klimaschutz-Kommissarin Connie Hedegaard und Handelskommissar Karel de Gucht offen über die Teersand-Linie. Hedegaard zielte auf ein Importverbot, de Gucht fürchtete eine WTO-Klage Kanadas und einen Abbruch der Handelsgespräche zum CETA-Abkommen.

    Die Presse nahm den Faden auf, und bald berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über die Drohung Kanadas, das Handelsabkommen auf Eis zu legen. Nach den Reuters-Quellen spreche Kanada die Teersand-Frage nicht nur einfach an, sondern spreche direkte Drohungen aus, und die EU-Kommission bereite sich schon auf einen Rechtsstreit vor. In Ottawa dementierte die Regierung umgehend, dass es einen Zusammenhang gebe.


    Was Kanada in der EU tat, blieb den zahlreichen kanadischen Umweltorganisationen nicht verborgen. Sie schrieben Botschafter Hornby und anderen kanadischen Politikern sogar einen offenen Brief, in dem sie sie aufforderten, „das gesamte Lobbying des Europäischen Parlaments zu beenden, das im Namen der kanadischen Regierung auf die Schwächung der europäischen Treibstoffqualitätsrichtlinie zielt. (…) Dieses Muster, die EU zu lobbyieren, um die Klimapolitik zu schwächen, ist nicht  akzeptabel“, zitiert FOEE.

    Im Sommer 2011 sind die Kanadier immer noch am Ball. FOEE verweist auf diverse Veranstaltungen und Besuchsprogramme. Zuletzt holten die Kanadier laut FOEE Wissenschaftler aus Deutschland, einen Politiker aus Belgien, Diplomaten aus Großbritannien, Frankreich, Schweden, Polen und Beamte aus Großbritannien, Belgien und Italien sowie einen Berater des World Energy Council nach Kanada.

    Kommentar

    Das FOEE-Dossier ist zweifellos als parteiische Anklage im Sinne der Umweltorganisationen gedacht, es polarisiert und es würdigt sicher nicht sachgerecht die Anstrengungen, die Kanada bei der Begrenzung der Umweltbelastungen beim Teersandabbau erreicht hat. Genauso wenig ist es ein energiestrategisches Papier. Darum geht es hier ja auch nicht.

    Dass Dossier liefert hochinteressante Einblicke in die paneuropäische Kommunikationsstrategie eines in Europa oftmals vernachlässigten Landes, das sich seiner Rolle und seiner Interessen bewusst ist.

    Kanada nimmt die EU offenbar ernster als die EU Kanada. Kanada denkt und handelt global. Was in der EU Gesetz wird, kann und wird für Kanada kritische Konsequenzen auf den Weltmärkten haben, nicht zuletzt in den Beziehungen zu den USA und in der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Energielieferanten auf allen Kontinenten. Wohlstand und Jobs in Kanada werden in Brüssel gesichert oder auch nicht. Sogar die Regierung von Alberta agiert am anderen Ende der Welt, sich der Bedeutung der EU-Politik für die eigene Wirtschaft wohl bewusst. Das sollte uns zeigen, dass Europa mächtiger ist, als wir oftmals annehmen.

    Kanada nimmt auch Europas Stakeholder und Öffentlichkeiten sehr ernst, einschließlich der NGOs -- als Gegner wie auch als Gesprächspartner. Das ist nicht überraschend, denn im eigenen Land spielen NGOs eine wichtige Rolle in der Politik -- die europäischen Friends of the Earth dürften bei ihrer Recherche nicht zuletzt von den kanadischen Freunden profitiert haben, die ihre Politiker genau beobachten. Was einen Einblick in die internationale Zusammenarbeit von NGOs gibt.

    Das Dossier zeigt, dass sich Kanada nicht auf punktuelle Einwirkung auf eine Handvoll Beamte in der EU-Kommission verlässt. Die Strategie bezieht zahlreiche Entscheidungsträger mit ein; offenbar haben die Kanadier das komplexe Institutionengeflecht Europas studiert und verstanden. Und so ist Kanada ein professioneller Player in Europa, mit dem man eben rechnen muss.

    Aus dem gesamten FOEE-Dossier kann man nicht herauslesen, dass sich Kanada intransparenter Lobbymethoden oder eindeutig fragwürdiger PR-Praktiken bedient hätte. Sicher, die FOEE-Aktivisten sehen ihre umweltpolitischen Ziele bedroht und halten Kanadas Vorgehen schon aus diesem Grund für ethisch bedenklich.

    Dennoch hat Kanada das Recht, seine Sicht und seine Interessen systematisch und koordiniert in Europa vorzustellen, solange sich das Land an die Spielregeln hält. Was jetzt teilweise in den Blogs und Medien zu lesen ist, Kanada werde "des Lobbyings beschuldigt", ist natürlich albern.

    Dass Kanada sich Verbündete sucht, seine Experten und Studien in Stellung bringt, dass es taktiert und Verfahren verzögert, dass es seinen technischen Informationsvorsprung nutzt, ist politisch nicht illegitim, sondern - gerade in der EU - völlig üblich.

    Etwas problematischer ist es, Umwelt- und Handelsfragen zu verbinden; aber
    • erstens ist die Ölfrage für Kanada - im Gegensatz zu Europa - ganz klar eine Handelsfrage. Warum sollte Kanada die Handelsfrage Öl nicht mit dem CETA-Handelsabkommen in Verbindung bringen? Logisch gibt es keinen Grund dagegen, auch wenn sich die Umweltschützer empören.
    • zweitens ist diplomatischer Druck ein natürliches Mittel für einen Staat. Wenn ein Staat lobbyiert, hat er andere Möglichkeiten als ein Unternehmen. Die EU will etwas von Kanada, kann Kanada aber nicht dazu zwingen. Dass in der Endphase hart gepokert wird, gehört zum Spiel.
    • drittens riskiert Kanada eine Menge, wenn es die Situation eskalieren lässt. Ein Scheitern des CETA-Handelsabkommens träfe die kanadische Wirtschaft ebenso wie die EU, und ein harter Backlash aus Europa (lies: scharfe Rechtsetzung mit internationalen Folgen) sowie ein Reputationsverlust Kanadas könnten die Folgen sein.
    • viertens folgen Kanadas Politiker, wie unsere auch, der politischen Logik daheim. Kanadas Umwelt- und Klimaschutzpolitik ist nicht widerspruchsfrei. Wenn Kanada seine Kyoto-Ziele nicht erreicht, muss es das den eigenen Bürgern erklären. In jedem Fall verläuft die Debatte dort anders als bei uns. Was das Bewusstsein für Exportabhängigkeit der eigenen Wirtschaft und Arbeitsplätze angeht, stehen z.B. Deutschland und Frankreich Kanada nicht nach, und so sieht ja auch unsere eigenen Diplomatie und Interessenvertretung im Ausland aus.
    • fünftens nutzt Kanada die Interessenkonflikte, die in Europa bestehen. Kanada legt sie nur offen. Das fängt bei den Ausbeutungsinteressen europäischer Konzerne (wie Shell und BP) an und hört bei der ungeklärten Frage nach Europas Energieversorgungssicherheit nicht auf. Gerade weil auf Experten- und Diplomatenebene nicht alles entschieden werden kann, geht Kanada den Weg über die politische Kommunikation mit Parlamentariern, Verbänden, Kammern, sogar NGOs und Social Media sowie klassischer Medienarbeit. Das sind ziemlich viele Baustellen und Ansatzpunkte, wenn man eine paneuropäische Strategie aufstellt. Der Aufwand ist beträchtlich. Diese Kommunikation ging aber dem handelspolitischen Druck voraus -- was zeigt, dass Kanada erst einmal den weicheren Ansatz wählte, statt mit dem großen Knüppel zu kommen. Eigentlich ist das positiv.
    Teersand spielt heute in Europa noch keine praktische Rolle für die Energieversorgung. Es ist auch zweifelhaft, ob die Förderung neben den Umweltproblemen die Kosten der Produktion in den Griff bekommt. Allerdings ist das eben vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis unkonventionelles Öl auch hier wichtig wird. Wie man an den Beziehungen zu Russland sieht, gehen die Rücksichtnahmen der EU bei hoher Energieabhängigkeit recht weit. Die EU hat in vielen Politikbereichen in Kanada einen hilfreichen Partner (jedenfalls hilfreicher als Russland).

    Kritik, auch harte, unter Freunden ist in Ordnung, aber Kooperation mag ebenso notwendig sein, um die ökologischen Probleme des Rohstoffabbaus zu entschärfen. Die Umweltorganisationen hätten gern, dass der Teersandabbau in Kanada beendet wird. Eine realistische Forderung ist das genauso wenig wie eine an Saudi-Arabien, die konventionelle Ölförderung zu beenden (selbst wenn wir ihnen die Panzer schenken).

    Klar ist, dass Europa den Teersand-Tagebau in Kanada nicht stoppen kann. Sinnvoll ist daher, dass Europa seine Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsziele auch in Kanada vertritt, um den Abbau umweltverträglicher zu machen. Die EU-Gesetzgebung  kann dazu, richtig verstanden, einen Beitrag leisten. Leider hält sich das handfeste Interesse an einer Verbesserung der Situation in Kanada in Grenzen. Und dann wäre da noch die Frage: Wie professionell und strategisch ist eigentlich das europäische Lobbying in Ottawa?

      Donnerstag, 4. August 2011

      Mailing-Kampagne: Wenn ein Brief nicht genug ist

      Wer seinem Abgeordneten keinen Brief schicken will, kann auch einen Kittel schicken. Oder eine Baseballmütze. Oder das Nuckelgummi von Babyfläschen. Oder einen Ziegelstein.

      Im amerikanischen Grassroots-Lobbying haben Briefkampagnen jahrzehntelange Tradition. Nur ist die Aufmerksamkeit umso mehr gesunken, je mehr Gruppen sich der Mailings bedienen. Bekanntlich sind die Email-Konten von Abgeordneten ebenso voll wie die konventionellen Posteingänge. Das amerikanische Blog BISNOW stellt einige Interessengruppen vor, die die Poststellen im US-Kongress mit kreativen Paketen beliefert haben (Bilder dort).

      2000 Arztkittel und eine Botschaft
      Dass Ärzte im weißen Kittel demonstrieren gehen, ist nicht neu. Für eine Aktion zur Gesundheitsreform trennten sich US-Ärzte aber vom guten Stück. 2000 Arztkittel orderte der Ärzteverband American Medical Association (AMA) für seine Jahrestagung in Chicago 2010. Ein Höhepunkt der Tagung war die „White Coat Rally“: Die Mitglieder schrieben auf jeden Kittel mit dicken Stiften politische Mitteilungen an ihre Wahlkreisabgeordneten. Die Kleidungsstücke wurden dann vom Verband in die jeweiligen Kongressbüros geliefert. Die Aktion begründet der Verband mit der Symbolik des weißen Arztkittels und der Medienwirkung. 

      Ein alter Hut
      Auch die Agrarlobby schickte Berufsmode nach Washington. Was dem deutschen Bauern seine Feldmütze, ist dem US-Farmer sein Basecap. Normalerweise findet sich dort das Logo von John Deere oder anderer Agrarausrüster, doch die American Farm Bureau Federation (AFBF) ließ Aufkleber zur Kampagne "Don't Cap Our Future“ drucken. Das kleine Wortspiel: Cap = Mütze, aber auch Cap = Obergrenze wie in Cap-and-Trade – jenem Klimaschutz-Ansatz zur Reduktion von CO2-Emissionen, nach der Emmissionsrechte über ein bestimmtes Limit hinaus gekauft werden müssen (und gehandelt werden können). Die Bauern sorgten sich um die Kosten von Kraftstoff, Dünger und Energie in ihren Betrieben. Die „Don’t Cap Our Future“-Aufkleber pappten die Bauern auf ihre Mützen und schickten diese an ihre Wahlkreisabgeordneten. Bei der AFBF waren auch bestickte Varianten zu haben.

      Säckeweise Sauger
      Ein anzügliches Wortspiel war auch der Frauenrechtsorganisation National Organization for Women (NOW) nur recht. Per Kurier erhielt der Finanzpolitiker Alan Simpson mit hübschen lila Schleifchen verzierte  Säcke voller Babyfläschen-Sauger, rund 1500 an der Zahl. Medienwirksam betitelte NOW, die den Rücktritt Simpsons forderte, ihre Aktion mit „Tits for an Ass.“ Wobei „ass“ im Englischen so viel wie Esel, aber natürlich auch Arsch bedeuten kann. „Tits“ steht, klar, für Titten, deutsch Zitzen, Brustwarzen oder Mamillen. Hintergrund: Simpson hatte in einer Email an die Geschäftsführerin der Rentnerinnen-Vereinigung Older Women's League geschrieben, die Rentenversicherung sei wie eine „Milchkuh mit 320 Millionen Brustwarzen“ ("a milk cow with 320 million tits.").

      Bausteine für eine Mauer zu Mexiko
      Der schwer bewachte Grenzzaun zu Mexiko reichte ihnen nicht aus: Als 2006 die Einwanderungsdebatte anschwoll, forderten die Befürworter einer verstärkten Grenzsicherung vom Kongress, eine Mauer zu bauen. Den ersten Bausatz lieferten sie gleich dazu: 10.000 Ziegelsteine. Die „Send-a-Brick“-Aktion wurde in einem Online-Forum geboren. Interessierte konnten entweder selbst einen Stein schicken oder auf einer Website 12 Dollar für ein Fertigpaket spenden, das dann in ihrem Namen an den Wahlkreisabgeordneten versandt wurde.

      „Konstruktive Kritik“, witzelte die New York Times damals. Sie zitierte eine der Koordinatorinnen, Emails seien ja heutzutage so verbreitet, da sei es zu einfach für die Politikerbüros, diese einfach zu löschen und zu ignorieren. Die Logistik scheiterte aber zunächst an den Anti-Terror-Schutzmaßnahmen und den Personalverantwortlichen in den Kongress-Poststellen. Als auf einmal 2000 Ziegelsteine im Capitol eintrafen, weigerte sich die Senatspoststelle, diese auszuliefern. Die Kampagnenorganisatoren sollten Extraporto für die Beförderung bezahlen. Während der zähen Verhandlungen stapelten sich die Steine im Postlagerraum – am Ende erhielten die Abgeordneten aber doch die schweren Sendungen. Ein Sprecher meinte, angesichts der Beliebtheit des Kongresses in der Bevölkerung könne man ja froh sein, dass die Steine mit der Post kommen und nicht durch die Fenster in die Büros fliegen. Am Ende sammelte ein Team der Parlamentsverwaltung die Steine bei den Abgeordnetenbüros wieder ein und spendete sie der NGO Habitat for Humanity, die Häuser für Bedürftige baut.

      "Litigation-PR ist vergleichbar mit Lobbyarbeit"


      Haggerty vergleicht Litigation-PR mit Lobbyarbeit. Litigation-PR werde häufig mit Krisenkommunikation verglichen, doch gebe es erhebliche Unterschiede – vor allem den Zeitrahmen. Die meisten (Medien-) Krisen seien nach recht kurzer Zeit beendet, Gerichtsverfahren zögen sich jedoch sehr in die Länge.
      Wenn eine Industrieanlage in die Luft fliegt, tritt der Krisen-Kommunikationsplan sofort in Kraft. Aber die Krise endet üblicherweise nach 48 oder 72 Stunden, vielleicht nach einer Woche. Die Reaktion der Medien erfolgt innerhalb dieses Zeitrahmens. Ein Gerichtsverfahren hingegen kann Monate oder Jahre dauern. Wir haben an Fällen mitgearbeitet, die beinahe ein Jahrzehnt dauerten. Der Rhythmus von Information und Kommunikation ist also ein ganz anderer. Deshalb mussten wir Strategien und Techniken entwickeln, um mit dem Wissen reagieren zu können, dass der Fall uns noch einige Zeit begleiten wird.
      Zudem seien die juristischen Fälle von hoher Komplexität. Eine Fülle an Informationen, Dokumenten, Beweisen und Daten sei aufzubereiten. 

      „In dieser Hinsicht ist Litigation-PR vergleichbar mit Lobbyarbeit, bei der man große Mengen komplexer Information für einen bestimmten Personenkreis zusammenfasst.“ In den Verfahren könnten Tausende Seiten Akten und Millionen von Dokumenten anfallen.
      Es ist sehr schwierig, dies einem Personenkreis zu vermitteln, der nicht alles lesen muss. Hin und wieder höre ich von einem Anwalt: "Ein Journalist hat mich gerade angerufen und ich habe ihm die Unterlagen rübergeschickt." Stellen Sie sich einen Meter hohen Aktenberg vor, auf dem Schreibtisch des Journalisten, dessen Deadline in zwei Stunden abläuft. Wie soll er diese Informationen verarbeiten? Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, in diesen umfangreichen Informationen eine "Story" zu finden.
      Wie seriöse Lobbyisten plädiert auch Haggerty dafür, die eigene Sache ausgewogen zu präsentieren und nicht nur herauszupicken, was sie in ein positives Licht rückt. Da Gerichtsakten öffentlich seien und die Fakten via Internet schnelle Verbreitung fänden, könne Einseitigkeit bei der Information zum Bumerang werden. 

      In der Litigation-PR seien vor allem Anwälte gefragt, die fähig sind, nicht nur große Mengen an Information zu verarbeiten, und darüber hinaus wüssten, welche Aspekte für die Öffentlichkeit wichtig seien. Diese Kompetenzen „unterscheiden sich sehr von den Fähigkeiten, die ein Rechtsanwalt sonst benötigt“, sagt Haggerty.
      Rechtsanwälte stecken sehr tief in den Details eines Falles. Oft passiert es, dass ein Journalist einen Anwalt anruft. Der ist gedanklich mit dem beschäftigt, was er in diesem Moment bearbeitet. Und das ist es dann, worüber er mit dem Journalisten spricht. Auch wenn es sich nur um einen sehr kleinen Teil eines großen Falles handelt. Wir bringen Anwälten bei, einen Schritt zurück zu treten, den ganzen Fall zu betrachten und dann auf dieser Ebene darüber zu reden.
      Der Litigation-PR-Berater komme außerdem bei der Kommunikationsstrategie und z.B. bei der Medienauswahl ins Spiel:
      Je nach dem, um welches Unternehmen es sich handelt, kann die New York Times wichtig sein. Aber wenn Sie ein Elektronikunternehmen führen, dann ist die Electronic Times vielleicht genauso bedeutend für Sie und Ihre unternehmerischen Ziele.
      Ein Beispiel: Wir waren an einer der größten Patent-Auseinandersetzungen in der US-Geschichte beteiligt. Er dauerte einige Jahre und es ging um komplexe Technologien. Ein Teil der Aufgabe war, Informationen darüber für zwei sehr unterschiedliche Zielgruppen aufzubereiten, wodurch schließlich deren Wahrnehmung des Falles beeinflusst wurde. Dies ist ein großer Unterschied zum [in den 1990ern Aufsehen erregenden] O.J.-Simpson-Fall.
      Mehr auf Legal Tribune Online:

      Lobbying für den Mittelstand, American Style

      Kleine und mittlere Unternehmen tun sich mit eigener Interessenvertretung oft schwer. Speziell für den Mittelstand gibt das amerikanische Wirtschaftsmagazin Inc. sieben Tipps für das Lobbying zum Besten. Der Artikel ist reizvoll, weil er zeigt, dass auch im Lobbyland USA die „Kleinen“ Schwierigkeiten haben, ihre Stimme zu finden.

      “Viele Inhaber kleiner Unternehmen haben Angst vor dem Lobbying, weil sie denken, es kostet zu viel Zeit oder Politiker hören nicht zu”, schreibt die Autorin Kay McFadden aus der US-Perspektive. Für viele Geschäftsleute reduziere sich Lobbying auf Wahlkampfunterstützung für (wirtschaftsfreundliche) Kandidaten. Doch nach dem Wahlgang zögen sich die Unternehmer zurück, um sich wieder ums Geschäft zu kümmern. Doch genau das sei „absolut falsch”. Nach der Wahl öffne sich ein ideales Fenster, um die Volksvertreter kennenzulernen.

      Der Artikel verweist auf ein Handbuch für Mittelständler, das Dr. Amy Handlin, republikanische Abgeordnete im Staatsparlament von New Jersey und Marketingprofessorin an der Monmouth University, geschrieben hat: „Be Your Own Lobbyist: How to Give Small Business Big Clout with State and Local Governments.“

      Das Handbuch gibt auch dem wissenschaftlich Interessierten viele Einblicke in die Lobbyarbeit jenseits der großen Politikschlachten in Washington. Für den Praktiker vermittelt es eine sehr bodenständige Diskussion der Ziele, Werkzeuge und Taktiken sowie zahlreiche Checklisten und Vorlagen.

      Handlin spricht vom „Empowerment“ der Mittelständler – sie müssten an ihre Möglichkeiten und Wirksamkeit zu glauben beginnen und Schritt für Schritt ihre Lobbykompetenzen entwickeln.

      Für die Anfänger bietet Inc. eine kleine Liste:

      1.   „Know that you're important and why.“
      Kernargument: Weil die meisten KMU sich im Lobbying nicht engagierten, haben diejenigen, die es täten, überproportionalen Einfluss. Bei Abstimmungen fragen sich viele Politiker, was wohl der mittelständische Unternehmer über die Sache denke. Die Politiker sind auf die externe Expertise angewiesen und schätzen den Input aus dem Wahlkreis.
      Das ist auch für Deutschland richtig.

      2.    „Understand that time spent now is time saved later.“
      Kernargument: Früher oder später werden Unternehmer mit Regulierungen, Steuerrecht oder sonstigen Themen konfrontiert, bei denen sie Kontakt zum Staat aufnehmen müssen. Wer dann nicht weiß, welche Ansprechpartner zur Verfügung stehen oder wie Gespräche ablaufen, verschwendet viel Zeit. Eine Möglichkeit, sich zu informieren und zu beteiligen, ist die aktive Mitgliedschaft in Wirtschaftsorganisationen – in den USA ist die örtliche Chamber of Commerce ein Zugangspunkt, so wie in Deutschland die allerdings anders verfasste IHK (in den USA gibt es keine Pflichtmitgliedschaft, und die Kammer hat keinen öffentlich-rechtlichen Status).

      3.    „Introduce yourself before politicians get busy.“
      Kernargument: Parlamentssitzungsfreie Wochen sind die richtige Zeit für Kontakte im Wahlkreis, auch und gerade zu Beginn einer Wahlperiode. Man darf ruhig in den Büros der Abgeordneten anrufen und nach dem Terminkalender fragen, etwa nach Terminen, bei denen der Politiker Hände schütteln geht („meet-and-greet opportunities“). Auch eine Bitte um ein halbstündiges Gespräch sei in Ordnung, um nicht mehr als ein oder zwei Themen anzusprechen. Die Gespräche sind vorzubereiten, über den Gesprächspartner und seine politischen Positionen sollte man informiert sein. Vertrauen ist aufzubauen, außerdem sollte der Unternehmer berücksichtigen, dass Politiker von Interessengruppen umlagert werden. Wer sich über ein Gesetz oder eine Vorschrift beschweren will, soll dies konstruktiv tun – zum Beispiel mit dem Vorschlag, den Rechtsakt zu ergänzen, um ihn zu verbessern.

      Das gilt auch für Deutschland. Gewählte Politiker suchen den Dialog mit ihrem Wahlkreis. Deutsche Unternehmer haben sogar einen Vorteil: Denn nicht nur der direkt gewählte Abgeordnete, sondern auch die über Liste gewählten Abgeordneten der anderen Parteien pflegen den Wahlkreisdialog. Dass Gespräche mit Politikern konstruktiv sein sollten und nicht nur aus Klagen und Schimpfen bestehen sollten, liegt auf der Hand.
      4.    „Join groups that do lobbying.“
      Kernargument: Verbänden beitreten, lautet die Empfehlung – und zwar sowohl einer branchenspezifischen Interessenvertretung als auch einer größeren Dachorganisation, die sich um KMU kümmert. Viele Unternehmer wissen nicht, welche Dienstleistungen, Veranstaltungen und Kontaktmöglichkeiten solche Verbände bieten – oder bleiben ihnen fern, weil sie mit bestimmten Positionen nicht einverstanden sind.
      Ein typisch amerikanischer Fly-In-Besuchstag ist etwa der „Small Business Day“, den der Landesverband Texas der National Federation of Independent Businesses (NFIB) in der Hauptstadt Austin regelmäßig organisiert:  Die Mitglieder kommen dort zu Frühstück und Mittagessen zusammen, Politiker referieren und stehen Rede und Antwort, und dann geht es am Nachmittag zum „Open House“: Alle Abgeordneten warten in ihren Büros auf Besuche der NFIB-Unternehmer aus ihren Wahlkreisen. Der Verband bringt die Geschäftsleute zu den Büros und bietet für die Gespräche vorher im Seminarstil Vorbereitungstrainings an (für die schüchternen Mitglieder).
      In Deutschland sind Verbandsmitgliedschaften selbstverständlicher als in den USA, aber längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Für KMU sind sie aber nach wie vor der wichtigste Kanal zur Politik. Manche (größeren) Mittelständler beauftragen inzwischen auch Auftragslobbyisten von Agenturen, aber nur für Einzelprojekte. Für kontinuierlichen Informationsfluss und Einflussmöglichkeiten sind Verbände jedoch die bessere Wahl. Aber aktiv beteiligen muss man sich an der Verbandsarbeit schon, etwa an Arbeitskreisen. Als Karteileiche hat man wenig Einfluss.

      5.    „Lobby politicians through your own network.“
      Kernargument: Netzwerken gehört zum Geschäft, und das sollten Unternehmer auch für ihre politischen Anliegen nutzen. Lokal und regional bieten sich oft Möglichkeiten, eine informelle Koalition zu bauen. Die Buchautorin Handlin unterstreicht dabei, dass die Partner nicht nur Unternehmer sein müssten. Auch loyale Kunden könne man ins Boot holen. Und ein Unternehmen könne auch seine Präsenzen im Internet und in Social Media-Gemeinschaften nutzen.

      Handlin nennt als Beispiel eine kleine Bäckerei in Salt Lake City. Kurz vor der Eröffnung wurde die Inhaberin von der Stadt dazu verdonnert, für $40.000 einen Fettabscheider vor den unterirdischen Kanalisationszugang installieren zu lassen. So viel Geld hatte die Firmengründerin nicht. Sie bekam aber Hilfe von anderen Kleinunternehmern. Sie baten um Termine mit der Verwaltung und fanden eine günstigere, einfachere Lösung – auch ein Fettabscheider in der Küche befriedigte die Hygieneinspektoren.

      Auch in Deutschland haben KMU ihre Not und Mühe mit nicht sachgerechten Vorschriften, kostenträchtigen Auflagen und Bürokratie. Neben förmlichen Widerspruch und anwaltlicher Hilfe, um so etwas verwaltungsrechtlich anzufechten, kann es sich lohnen, auf politische Unterstützung und Verhandlungslösungen zu setzen. Funktioniert nicht immer, ist aber einen Versuch wert.

      6.    „Lobby politicians through the official media.“
      Kernargument: Schon ein altmodischer Leserbrief an die Lokalzeitung bewirkt so manches, denn die Politiker und ihre Mitarbeiter lesen diese intensiv. Ausgewogen, sachlich und offen verfasst, bringt so ein Brief Bewegung in die Sache. Verbände können das Thema dann auch aufgreifen. Funktioniert das nicht, kann man über die Medien etwas Wirbel erzeugen – aber vorsichtig. Und eher nur dann, wenn das Thema kein Einzelfall ist, sondern viele angeht.

      Stimmt auch für Deutschland.

      7.    „How to lobby higher-up politicians.“
      Kernargument: Der lokale und regionale „Korridor“ sei für das Lobbying von KMU der einfachste. Wer auf die höheren Ebenen vordringen möchte oder muss, sollte erst einmal die Mitarbeiter der Politiker kontaktieren und ihnen das Problem erklären. Die Wahlkreisbüros sind in den USA meist mit mehreren Mitarbeitern ausgestattet, die sich auch in KMU-Themen gut auskennen.

      In Deutschland sind die Wahlkreisbüros von Bundestags- und Europaabgeordneten kleiner und haben selten spezialisierte Mitarbeiter. Der Weg ist aber durchaus auch hier sinnvoll. Man sollte aber genau wissen, was man will -- und sich darauf gut vorbereiten, wenn man Leute "kalt" anruft, also ohne vorherigen Kontakt.
      Weiterer Literaturhinweis:

      GID: Eine traurige Bilanz für Gewerkschaften

      Eine pointierte, aber auch traurige Analyse zu Lage, Selbstreformen, Strategie und Kommunikationspraxis der Gewerkschaften liefert Robert Lorenz auf dem Blog des (vom Kollegen  Franz Walter geleiteten) Göttinger Instituts für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen.

      In seinem Blog-Beitrag „Fusionitis und andere Reformen“ ist er sehr kritisch gegenüber den DGB-Gewerkschaften (und ihren Pendants in Österreich und den Niederlanden): Die meisten Reformen seien „kaum mehr als Rhetorik“ geblieben, mehr als „verheißungsvolle Ankündigungen“ lieferten die Gewerkschaften nicht – und eben keine Antwort auf sinkende Mitgliederzahlen und Organisationsgrade.

      Bei der Modernisierung der Organisationsstrukturen und der Überarbeitung des politischen Programms scheiterten die Gewerkschaften ebenso wie an Kampagnen und Organizing-Konzepten. Auch das Heilmittel der Fusion führte nicht zu neuer Kraft, so Lorenz. Die Reformen waren seiner Auffassung nach „häufig unzureichend, ließen die Organisation erlahmen, täuschten sie über fortbestehende Defizite hinweg und schufen nicht selten neue Probleme.“

      Organisationsreformen

      Zur Organisations- und Programmarbeit kommentiert er:
      Meist verliefen sich die Bemühungen in eigens gegründeten Kommissionen, die dann jahrelang an der Sache arbeiteten, dadurch das Reformvorhaben in bürokratischen Vorgängen erstickten und jedweden Elan verloren. Allein die Gewerkschaftselite profitierte eine Zeitlang davon. Denn sie konnte für sich Krisenbewusstsein und Tatkraft reklamieren, dokumentierte ihren Willen zum Wandel, zur Erneuerung, demonstrierte Handlungsfähigkeit. Im Hintergrund schritt der Verfall der Organisation jedoch unaufhörlich voran, gingen ungeachtet aller Reformprozesse die Mitgliederzahlen zurück, sank die Repräsentativität der Mitgliedschaft.
      Die Werbekampagnen zur Neurekrutierung in den Betrieben seien ebenfalls nur vorübergehend von Erfolg gekrönt gewesen. Zwar seien die Beitrittszahlen gestiegen, doch „nie sonderlich hoch“, und die Werbeaktionen seien finanziell eine starke Belastung gewesen. Schließlich „gingen etliche der Neumitglieder wieder verloren, weil sich die Gewerkschaft im Anschluss an den Beitritt nicht mehr so intensiv um sie kümmerte wie in der Phase der Umwerbung.“

      Regelrechte „Fusionitis“ unter westeuropäischen Gewerkschaften macht Lorenz für die Vergangenheit aus. Die Ziele seien Kostenabbau bei der Verwaltung und mehr Verhandlungsmacht in Tarifgesprächen und politischen Gremien, außerdem mehr Präsenz in gewerkschaftsfernen Branchen, vor allem im Dienstleistungssektor, zu zeigen. „Doch auch Fusionen waren eher verhängnisvoll als heilsam“, meint der Gewerkschaftsforscher. Sie kosteten viel Kraft und Zeit, und für die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di stellt Lorenz Ineffizienz fest – zu viel Egoismus der beteiligten Altgewerkschaften, wenig neue Stärke bei der Politik- und Rekrutierungsfähigkeit. Lorenz meint: „So ist ver.di vermutlich die erfolgloseste Gewerkschaft der Welt, verlor jedenfalls seit ihrer Gründung im Jahr 2001 über 712.000 Mitglieder – fast die Hälfte sämtlichen Rückgangs, den der DGB seitdem verzeichnete.“

      Kampagnen und das Faszinosum "Organizing"

      Dann kommt Lorenz aufs „Organizing“ – jene kampagnenförmige, mitgliederförmige Basisarbeit, die in den USA und anderswo Erfolge für eine halbtot geglaubte Gewerkschaftsbewegung zeitigte. „Darin erblickten viele Gewerkschafter die Lösung all ihrer Probleme, einen deus ex machina.“ Auch für die europäischen Gewerkschaften sei dies ein „Faszinosum, dessen Anziehungskraft sich Gewerkschaften seither kaum entziehen können“, geworden.
      Es verpflichtet die Organisationen auf eine energische Mitgliederorientierung, verlangt, dass der Apparat auf ein Minimum zurückgefahren und das verfügbare Geld in Rekrutierungsarbeit investiert wird. Geschulte organizer gehen in Betriebe, in denen es weder einen Betriebsrat, geschweige denn ein Gewerkschaftsmitglied gibt. Dort versuchen sie, ein Bewusstsein für die prekäre Arbeitsmarktlage und die schlechten Arbeitsbedingungen zu schaffen, zugleich aber in der kollektiven Solidarität der Beschäftigten und der Hilfe der Gewerkschaft die optimistische Perspektive eines erreichbaren Auswegs zu stiften.

      Oft wird dies mit einem weiteren Element, dem campaigning, angereichert. Dabei suchen die arbeitskampfwilligen Beschäftigten den Kontakt zur ortsansässigen Bevölkerung, Politik und zu zivilgesellschaftlichen Einrichtungen oder Initiativen. Über die Medien soll dann Druck auf die Arbeitgeber ausgeübt werden. Bisweilen kann das betroffene Unternehmen sogar gegenüber seinen Geschäftspartnern diskreditiert werden, indem diese auf moralisch fragwürdige Praktiken und schlechte Arbeitsverhältnisse aufmerksam gemacht werden oder noch wirkungsvoller: davon aus den Medien erfahren. In den USA funktionierte das jedenfalls ganz gut.
      Lorenz stellt jedoch fest, dass es in Deutschland und Österreich damit erhebliche Probleme beim Transfer gab. Ein wichtiger Punkt: Die „riesigen Apparate“ der Zentralen und Funktionärsestablishments stehen dem Organizing im Weg.  Gerade weil die Gewerkschaften zudem noch so viele Mitglieder haben und in korporatistischer und sozialpartnerschaftlicher Tradition eine enge Politik- und Institutionen-Verankerung hätten, sei das Organizing als Konzept fehlgeschlagen. Die großen Gewerkschaften seien „noch lange nicht verzweifelt genug, um ganz entschiedenes organizing zu betreiben.“ Lorenz analysiert außerdem:
      Das vermeintlich erfolgversprechende Verfahren ist sehr teuer, aufwändig und lang, müssen die beschrieben Aktionen doch in jeder Schlecker-, Aldi- oder Billa-Filiale einzeln und aufs Neue durchgeführt werden. Große Rekrutierungsanstrengungen tragen den Gewerkschaften im Unterschied zu früheren Aktionen in industriellen Großbetrieben nicht mehr prompt drei- bis vierstellige Mitgliedergewinne ein. Außerdem erwarten die Neumitglieder auch nach den Anfangserfolgen, zu denen ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad in der Belegschaft und die Errichtung eines Betriebsrats zählen, eine annähernd intensive Betreuung durch die Gewerkschaft.
      Lorenz‘ Resümee ist pessimistisch. Die Gewerkschaften hätten durchaus ein „Missstandsbewusstsein“ entwickelt und ihre Strukturen und Strategien anzupassen versucht. Das Ergebnis ist laut Lorenz mau: Die vielen Reformbestrebungen hätten sie häufig sogar zu einem Trugschluss verleitet, dass die Maßnahmen ausreichend und angemessen gewesen seien, „sodass die Energiezufuhr wieder gedrosselt werden konnte“.

      Richtige Analyse, aber...

      Seine Bestandsaufnahme mag richtig sein und die Praxis zu mehr Reflexion anhalten. Die Zuspitzung ist ein Markenzeichen der Göttinger Schule. Gleichwohl ist zu fragen, was denn die Alternative zu den kritisierten Reformen gewesen wäre, oder wie man sie - trotz der strukturellen Grundprobleme - erfolgreicher durchführen kann. Was die Kampagnen und das Organizing angeht, legt Lorenz den Finger in die richtige Wunde. Es ist sicher auch korrekt festzuhalten, dass diese keine Selbstläufer sind und das Commitment der Zentralen heute noch nicht als stabil und konsequent genug angesehen werden kann.

      Dass gerade in diesem Feld viele Erfolge zu verzeichnen sind, sollte Lorenz aber nicht ausblenden. Nur drei Beispiele:
      • Sowohl die Thematik der "Pseudogewerkschaften" hat durch die Abwehrstrategien bei Arbeitgebern, Politik und Arbeitsgerichten hohe Sensibilität und ein Umdenken erzeugt, auch die Aufmerksamkeit in den Medien ist dafür groß - und verhilft den DGB-Gewerkschaften durchaus zu einem Imagebonus gegenüber der neuen Konkurrenz. 
      • Bei Lidl und Schlecker verhalten sich die Manager heute deutlich anders: Lidl unterstützt einen Mindestlohn im Handel, trotz des Murrens beim HDE. Bei Schlecker wurde ein Tarifvertrag und ein Ende der Mitarbeiterauslagerung erzwungen. 
      • Schließlich machen die neuen Aktions-, Kampagne- und Kommunikationsformen Gewerkschaften wieder präsenter und attraktiver, nicht zuletzt bei jungen Leuten.
      Dass manche Gewerkschaften wie die IG Chemie eine völlig andere, stark kooperative Strategie fahren und an der traditionellen Sozialpartnerschaft festhalten, steht dem nicht entgegen. In jeder Branche sind nun einmal andere Lösungen gefragt.

      Gegen die faktischen Auflösungstrends des Flächentarifvertrags konnten die Gewerkschaften nicht viel tun, auch nicht dagegen, dass das Einheitsprinzip "Ein Betrieb - ein Tarifvertrag" höchstrichterlich gekippt wurde (was auch der BDA nicht wollte). Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren. Dass DGB und BDA dabei zu einer gemeinsamen Position gekommen sind, war jedenfalls bemerkenswert und hat auch bei der Politik Beachtung gefunden.

      Weiterer Blogbeitrag
      Die Flops der Online-Kampagne "Köpfe gegen Kopfpauschale" (Freitag, 19. November 2010)

      Darf man ein Lobbyisten-Register outsourcen?

      Lobbyisten-Register sind dazu da, mehr Transparenz in die Interessenvertretung gegenüber der Politik zu bringen. Typischerweise beim Parlament angedockt, werden in einem solchen Register Daten über lobbyierende Organisationen und Personen erfasst. Das Register soll Politiker und Öffentlichkeit informieren.

      Zwar geht es hier um Informationen, die direkt die Staatsorgane betreffen; eine wirklich hoheitliche Aufgabe ist die Verwaltung der Daten jedoch nicht unbedingt. Kann man das also privatisieren? Im US-Staat Florida ist darüber eine Debatte entbrannt.

      In den USA - beim Bund und in den 50 Einzelstaaten - gehen die Registerpflichten besonders weit, denn auch Lobby-Ziele, Kontakte und Budgets kommen in die Datenbank, leicht verknüpfbar mit der Partei- und Wahlkampfspendenaktivität.

      Auch in Florida ist das Lobbyisten-Register fest etabliert. Kein Wunder, denn am Regierungssitz Tallahassee wird über zahlreiche Gesetze und einen Staatshaushalt von $70 Mrd. (2010) entschieden. Florida ist ein Staat mit 19 Millionen Einwohnern und einer kraftvollen Wirtschaft: das Bruttoinlandsprodukt liegt $747 Mrd. (2010), immerhin die viertgröße Volkswirtschaft innerhalb der USA.


      Eintragung ist seit 2006 gesetzliche Pflicht. Unter dem Motto "Online Sunshine" sind die hauptberuflichen Interessenvertreter verpflichtet, sich - gebührenpflichtig - anzumelden und vierteljährlich in Formularen ihre Auftraggeber und ihre Bezahlung offenzulegen. Außerdem müssen sie sichtbar einen Ausweis tragen.

      Rund 2000 Lobbyisten haben sich beim Zweikammerparlament registriert, sie vertreten 3100 Auftraggeber. Rund 1500 Lobbyisten, die 2700 Auftraggeber vertreten, sind bei der Exekutive gemeldet (Stand August 2011). Ein Berufsverband existiert auch, die Florida Association of Professional Lobbyists (FAPL).

      Für viel Wirbel sorgt in Florida derzeit der Vorschlag, das Lobbyist Registration Office (LRO) zu privatisieren. Wie der Miami Herald berichtet, stammt der Vorschlag von einer Lobby: nicht etwa der FAPL, sondern dem Zeitungsverlegerverband Florida Press Association.

      Beim Gouverneur und beim Parlament fanden die Vorschläge, die der Verband im Dezember vorstellte, offenbar Gehör. In der jüngsten Sitzungswoche änderten die Abgeordneten die Registrierungsregeln, um ein Outsourcing zu erlauben.


      Das amtliche Registerbüro hat nur drei Mitarbeiter, verschlingt aber immerhin einen Jahresetat von $2 Mio. Das hat offenbar viel mit der Technik zu tun: Die auf einer Website veröffentlichten Daten werden laut Herald in einem altersschwachen Mainframe-Rechner gespeichert.

      Die Idee ist nun, die Technik auszuwechseln und sie in private Hand zu geben. Da dachte der Zeitungsverlegerverband auch gleich an sich selbst: Er verspricht eine nutzerfreundliche Datenverwaltung mit schneller Verfügbarkeit und Aktualität. Davon würden natürlich auch seine Journalisten (die zu den wichtigsten Nutzern der Datenbank gehören) profitieren.

      Nun mögen Zeitungsverlage viel Erfahrung im Informationsmanagement und in der Web-Kommunikation haben. Dass aber eine Lobbygruppe das amtliche Lobbyregister führen soll, stößt so manchem übel auf.


      Der Staat wird den Auftrag ausschreiben, um das Register bis Sommer 2012 neu aufzustellen. An der Ausschreibung könnten sich auch andere Dienstleister beteiligen. Dafür interessiert sich etwa der Informationsdienst Lobbytools, der derzeit Nachrichten, Gesetzgebungsdatenbanken und Monitoring-Services anbietet.


      Weitere Blogbeiträge zu Lobbying in den USA

      Mittwoch, 3. August 2011

      Schönfärberei bei Wirtschaftsdaten: "Wie Regierungen ihre Prognosen frisieren"

      Das Handelsblatt hat eine schöne Studie der Kennedy School of Government an der Harvard University entdeckt und zusammengefasst: "Wie Regierungen ihre Prognosen frisieren".
      Originalquelle: Frankel, J. (2011, 12. Juni). Over-optimism in forecasts by official budget agencies and its implications. Paper für das Symposium on Economic Borders of the State, Beitrag (i.E.) für Oxford Review of Economic Policy.  Online auf http://www.hks.harvard.edu/fs/jfrankel/BudgetForecastOxfordREP2011.doc
      Dass Regierungen gern bei den orhersagen zu Wachstum und Staatsfinanzen tricksen, weiß man - spätestens seit die Griechen die EU vorführten, sie hätten wohl der Eurozone gar nicht beitreten dürfen. Aber auch Deutschland hat schon öfter geschummelt. "Der Stabilitätspakt hat in Europa alles nur noch schlimmer gemacht", kommentiert das Handelsblatt. "Aber es gibt einen Ausweg."

      Der Harvard-Professor Jeffrey Frankel hat sich 33 Staaten und ihre Regierungsprognosen von 1999 bis 2006 angesehen und kommt zu dem Ergebnis, dass sich Regierung regelmäßig verschätzen, und zwar stets nach oben. In Boom-Zeiten wird dies besonders krass, es wird dann zu wenig gespart; unangenehmen Entscheidungen geht die Politik aus dem Weg, vermeidet Debatten und schafft im Stillen Fakten. Feste Haushaltsregeln wie der Stabilitätspakt verstärken den Hang zur Schönfärberei, statt ihn zu bremsen und zur Haushaltsdisziplin anzuhalten.

      Der Ausweg liege wie in der Geldpolitik in der Zuständigkeit einer unabhängigen Expertengruppe, meint der Forscher. Chile macht es so seit 2000. Und dort gibt es keine systematische Überschätzung der Vorhersagen mehr.

      PA-Recht und Ethik im Überblick

      Zu "Ethik und Recht politischer Interessensvertretung" bleiben die meisten Lobby- und PA-Handbücher eher schmallippig. Wer einen Rundum-Überblick sucht, wird aber in einer 91-Folien-Präsentation fündig, die Jan Mönikes dankenswerterweise auf seiner Homepage teilt.

      Der Anwalt bei Schalast & Partner hat den Vortrag an der Quadriga-Hochschule in Berlin auf der Tagung “Public Affairs Management” am 7. Juli 2011 gehalten.

      Der kleinere Teil beschäftigt sich mit der Lobbyingpraxis, der größere mit PR- und Medien-Aktivitäten im Rahmen von Public-Affairs-Ansätzen.

      Wie bei Anwälten halt so üblich, ist die Präsentation textlastig -- aber sehr umfassend und, dank Mönikes' enormen Expertenwissens im Medien- und IT-Recht, sehr informativ in Detailbereichen. Wer weiß schon, dass eine Twittermeldung, die von Abgeordneten während einer Plenarsitzung empfangen wird, als Störung von Gesetzgebungsorganen interpretiert werden kann?
      • Ausgangslage
      • Grundrecht auf Lobbying
      • Begriff der Ethik
      • Kodifizierte Ethik
        • Code d'Athène
        • Code de Lisbonne
        • DRPR Richtlinie zur Kontaktpflege im politischen Raum
        • Verhaltenskodex de‘ge‘pol
        • Kriterienkatalog zum Qualitätsmanagement de‘ge‘pol
        • Korruption verhindern –Empfehlungen des BDI
        • DRPR-Richtlinie zu PR in digitalen Medien und Netzwerken
      • Die Grundanliegen der Texte
      • Ethik der PR oder Ethik als PR?
        • Mertens Kritik
      • Gesetzliche Grenzen
      • Besondere rechtliche PA-Regeln
        • Lobby-Recht: Direkte Regulierung
        • Indirekte Regulierung
        • Sponsoringregeln§78 IV GemO BW
        • §108e StGB -Abgeordnetenbestechung
          • Kritik am bestehenden §108e StGB
      • Allgemeine Regeln
      • Internet und Web 2.0
        • Sorgfaltspflichten bei Onlinepublikationen
        • Spannungsverhältnis: Persönlichkeitsrechte und Meinungsfreiheit
        • Persönlichkeitsrechte von Unternehmen
        • Besonderheit: Indemnität
      • Informieren
        • Twitter: Schneller als der Präsident erlaubt
        • Informationsverbote
        • Kommunikationsbeschränkungen
      • Involvieren
      • Mobilisieren
        • In Deutschland: Rechtswidrig
        • Twitter-Aufrufe: „Verwählt"
        • RZ-Online über den Flashmob
      • Virales Marketing
        • Virale Anti-Kampagnen
        • Zulässige Zitate?
        • Urheberstrafrecht
        • Freunde werben Freunde?
        • Die sieben "Sieben Goldenen Regeln" des zulässigen E-Mail-Marketing
      • Das Internet vergisst nichts...
        • Risiken anwaltlicher Intervention
        • Unterlassungsanspruch
        • Abwägung
        • YouTube
        • Google & Co.
        • Blogs & Foren?
        • Streisand-Effectund Shitstorms
      • Manipulieren
        • Persönlichkeitsrechte
        • Achtung: Satire!
      • Verleumden
        • Straftaten
        • Wikipedia
      • Stören
        • Störung von Gesetzgebungsorganen
        • Protest = SPAM, Boykottaufruf = Straftat?
        • Protest-SPAM
        • Hacker-Angriffe
        • Strafbarkeit von Hackerangriffen
      • Verstecken
        • Anonymität in der pol. Kommunikation?
        • Letzter Kommentar zu DuMont
      • Täuschen
      • Spionieren
        • Das iPhone-Dilemma
        • Staatsgeheimnisse
        • Wikileaks

      Gegen unkonventionelles Erdgas: Röttgen an der Spitze der Protestbewegung?

      Mit der "Energiewende", die genauso gut Energiekrise genannt werden kann, setzt in Deutschland die hektische Suche nach alternativen Energieressourcen ein. Zwar liegen erneuerbare Energien im Fokus, doch die Branche schaut ebenso auf fossile Energieträger. Attraktiv für Explorationen ist "unkonventionelles" Erdgas, auch Schiefergas (Shale Gas) genannt -- und das bringt nicht nur Teams von Ingenieuren und Geologen in Stellung, sondern auch Politik und Lobby.

      Der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) in Hannover bewirbt seit Längerem die "Versorgungssicherheit", die das unkonventionelle Erdgas als "ideale Brücken- und Zukunftsenergie für Deutschland" verspreche (hier z.B. Online-FAQ, ein Überblicksartikel, eine Broschüre, ein Expertengespräch im WEG-Newsletter). Unternehmen wie ExxonMobil informieren über ihre Bohrungen u.a. auf erdgassuche-in-deutschland.de.


      Auf der BDEW-EnergieDebatte-Plattform im Internet wird auch diskutiert; da meldet sich etwa der frühere CDU-Politiker Friedbert Pflüger, jetzt Professor in London, zu Wort, wie schon in einem Gastbeitrag bei Spiegel online. Die grüne NRW-Landtagsabgeordnete Wibke Brems bloggt inzwischen recht ausführlich über das Thema, interessant sind dort u.a. ihre Beiträge über eine Erkundungstour in die USA.

      Das Bundesumweltministerium informiert seit einiger Zeit über die Risiken, das Umweltbundesamt warnt. Wasserunternehmen wie Gelsenwasser sind nicht nur besorgt, sondern schlagen Alarm. Zudem formiert sich an der Bürgerbasis eine Protestbewegung gegen die Exploration, vor allem gegen die umstrittene "Fracking"-Methode (Hydraulic Fracturing), die als umweltschädlich gilt. Denn das Gas wird mit Horizontalbohrung erreicht, dann mit viel Chemie aus Gesteinsschichten gelöst und herausgepresst. Unter anderem zeigen sich Risiken fürs Trinkwasser und für den Boden. Die Protestinitiativen stehen z.B. hinter der Website gegen-gasbohren.de, das sich auch auf Facebook präsentiert. Umweltgruppen wie BUND, Greenpeace, GreenAction, die EnergyWatchGroup positionieren sich. Das Blog unkonventionelle-gasfoerderung.de widmet sich dem "FrackWatch". Auf YouTube gibt es bereits einen "StoppFracking"-Kanal. In NRW wurde auf OpenPetition eine Unterschriftensammlung initiiert, die Petition beim Landtag eingereicht.

      Der internationale Kontext
      Wichtig für den Protest-Kontext sind die internationalen Ereignisse:
      In Deutschland begann die Exploration zunächst unauffällig. Das hat sich sehr stark geändert. Die deutschen Bürgerinitiativen, empört über die fehlende Information über die Bohrungen und die Risiken, tauschen sich mit den internationalen Protestorganisationen und wissenschaftlichen Kritikern aus. Die negativen Reaktionen anderer Länder, wie etwa Frankreich, haben die Initiativen enorm bestärkt. Derzeit scheint vieles darauf zuzulaufen, dass sich die deutsche Politik recht geschlossen gegen die Erdgas-Bohrungen stellt.

      Das war vor kurzem noch anders. Bundeswirtschaftsministerium und Bundesumweltministerium äußertem sich jüngst in einem Bericht gegenüber dem Umweltausschuss im Bundestag noch recht positiv. In Niedersachsen, einem traditionellen Öl- und Gasförderland, ließ die Regierung Wulff zunächst dem Konzern ExxonMobil freie Hand bei der Suche. In NRW durften ExxonMobil, BNK Petroleum, 3legs Resources und RealmEnergy ebenfalls Probebohrungen vornehmen. 2010 begannen diverse Medien (Panorama, Monitor, Spiegel, Zeit, taz, FAZ, in NRW diverse Zeitungen und Sender wie der WDR) mit einer zunehmend kritischen Berichterstattung über die Explorationen, wobei die US-Erfahrungen (und der genannte Film "Gasland") eine wichtige Rolle spielten.

      Von NRW nach Berlin

      Kernland der politischen Konflikte ist bislang vor allem NRW. Weil der CDU-Landeschef Norbert Röttgen heißt, erreicht die Kontroverse nun stärker die Bundespolitik. Der Bundesumweltminister wird bei seiner Positionierung (und Profilierung) ja immer mutiger und stellt sich offenbar gern an die Spitze der Bewegung.

      Zwar hatten in Berlin schon im Frühjahr die Bundestagsfraktionen der Grünen und der Linken Anträge eingebrachten, die Plenar-Lesung am 30. Juni 2011 fand aber wenig Widerhall. Kein Wunder: Der Plenartag war voll mit Atom- und Energiedebatten, und die Erdgas-Anträge waren TOP 26; es war schon spät, die Reden wurden nur noch zu Protokoll genommen. Im Herbst dürfte sich der Bundestag erneut damit befassen.

      Röttgen fährt durch sein jüngstes Interview jedenfalls den Aufmerksamkeitspegel hoch:
      In den Westfälischen Nachrichten ließ Röttgen wissen, „ich werde kein Risiko eingehen.“ Er werde eine „umfangreiche“ Studie über die Umwelteinwirkungen der umstrittenen Fördermethode in Auftrag geben. „Bis wir gesicherte Erkenntnisse gewonnen haben, wird es einige Zeit dauern. Und vorher kann Fracking nicht stattfinden.“  Auf Basis der Erkenntnisse werde es klare Anforderungen für die Gewinnung des gebundenen Erdgases geben. „Wenn die nicht erfüllt sind, kann dieses Verfahren nicht eingesetzt werden.“
      Möglicherweise wird das Bergrecht novelliert. Röttgen sieht Argumente für eine zwingende Umweltverträglichkeitsprüfung. Den Bürgern im Münsterland versichert er, „dass diese Methode nur dann in Frage kommt, wenn Risiken definitiv ausgeschlossen werden können“. Röttgen hat außerdem Zweifel an der Notwendigkeit der Exploration -- die konventionellen Gasvorräte reichten für Jahrhunderte, Biogas und neue Verfahren seien ebenfalls Optionen. „Wir haben ganz viele Alternativen, die eine solche Methode sehr in Frage stellen, auch energiepolitisch.“
      Röttgen unterstützt damit die CDU-Landespolitiker, die der Linie von Rot-Grün in NRW folgen; die NRW-Parteien nähern sich einer Einigung gegen "Fracking". Bei mehreren Landtagsdebatten in Düsseldorf, etwa im März 2011, ging es teilweise hoch her -- die Opposition wirft der rot-grünen Landesregierung Versagen in der Informations- und (wasserrechtlichen) Genehmigungspolitik vor. Zudem wird nach früheren Probebohrungen mit "Fracking" in den 1990ern gefragt, die bisher unbekannt waren.

      Wie sich die Debatte ändert

      Im Juni schrieb Kristina Graf im Blog Fette-Henne noch:
      In Europa, aber auch in Deutschland, ist das Thema Schiefergas noch nicht angekommen. Eine politische oder öffentliche Diskussion noch nicht vorhanden. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Diskussion zu gegebenem Zeitpunkt entwickelt.
      Das scheint sich schnell zu ändern. Zur Richtung der Debatte ist Grafs Kommentar recht hilfreich, denn auch wenn die Proteste scheinbar einen Anti-Konsens in der Politik fördern, so dürfte sich doch die Paralleldiskussion um die kritischen Importe aus Russland fortsetzen. Und wenn Schiefergas direkt in Europa und in Deutschland gefördert werden kann, wird ganz sicher irgendwann die Frage in den Mittelpunkt rücken, warum man sich von Energierohstoff-Importen so abhängig macht, wenn man doch selbst auf den Ressourcen sitzt. Umwelt-Risiken hin oder her, strategische Energiesicherheit ist eben eine Standort- und eine Finanzfrage. Da werden sich die Experten noch viel streiten und die Politiker regelmäßig verunsichern. Graf schreibt:
      Gas ist die umweltfreundlichere Variante zu Kohle und Öl – soweit so gut. Als Brückentechnologie ist Erdgas nahezu perfekt, es ist a) sicher, b) bezahlbar und c) umweltfreundlich. [...] [W]as die Förderung vom sogenannten Shale Gas, zu Deutsch Schiefergas, betrifft, so lassen sich die Punkte a) und c) ausschließen. Die Förderung des Schiefergases ist nicht unumstritten, denn sie sei, so führende internationale Experten wie Michael T. Klare, umweltschädigend und benötige sehr gute, fortschrittliche Technologien, in die keiner investieren will. Befürworter von Shale Gas wie Frank Umbach sehen jedoch sehr viel Potenzial in der Förderung von unkonventionellem Erdgas. Denn nur so könnte die EU ihre Dependenz von Erdgasimporten reduzieren und eine günstige und umweltfreundliche Energiequelle zur Nutzung bereit stellen.  Jean-François Cirelli, Präsident von Eurogas und Präsident des französischen Unternehmens GDF-Suez ist davon überzeugt, dass die Förderung des unkonventionellen Gases für Europa nicht so wichtig sein werde wie für Länder wie die USA. (...)
      Es gibt offenbar nicht nur Zweifler in der Politik, sondern auch bei den Unternehmen. Die am Pipeline-Gashandel mit und der Förderung in Russland beteiligten Unternehmen mögen gar kein so großes Interesse an der neuen Förderung in Europa haben. Derzeit sieht sich Europa eher einem Gas-Überangebot und fallenden Preisen gegenüber, seit die USA ihre Importabhängigkeit weitgehend durch die unkonventionelle Gasförderung beendet haben und viele Exportländer günstig verflüssigte Gas (LNG), das per Tanker zu uns kommt, anbieten. Das macht Investitionen und Technologieforschung sowie politisches Gezerre um Regulierungen wenig attraktiv; die deutschen Energiekonzerne jedenfalls haben im Moment andere Probleme.

      E.ON skeptisch: Lohnt sich das? Im Prinzip ja, aber...
      Der Konzern E.ON hat in einer interessanten Investoren-Präsentation (Andreas Korn, 2010) die Aussichten für unkonventionelles Gas in Europa dargelegt, dass das geologische Erdgasvorkommen in Europa grundsätzlich so groß ist wie in Nordamerika.
      • Die drei größten Vorkommen liegen in Polen und Ostseeraum, Norddeutschland und in der südlichen Nordsee, daneben noch in England, nördlich der Alpen (Frankreich-Süddeutschland-Österreich-Tschechien-Ungarn) und einige kleinere Felder, z.B. in Spanien. 
      • Das geologische Potenzial in eine "profit opportunity" zu verwandeln, sei die zentrale Herausforderung. 
      • Insgesamt seien die Rahmenbedingungen für unkonventionelles Gas weniger attraktiv als in Nordamerika - geologische Fragen seien offen, viel müsse noch erforscht werden, der Zugang sei auch rechtlich schwieriger, die Industrie schlecht vorbereitet, Umwelt- und Wasserfragen problematisch, die Kosten für Bohrungen in Europa viermal so hoch wie in Nordamerika. 
      • Alle diese Unsicherheiten verdichten sich zur Skepsis, ob die ökonomische Seite den Hoffnungen entsprechen kann. 
      • Die Anteile am und Relevanz für den europäischen Gasmarkt dürften deutlich kleiner sein als in Nordamerika. Die Ressourcenausbeutung bleibe kleiner, die Produktion komme später, langsamer und zu einem höheren Preis als in Nordamerika. 
      • Immerhin: Bis 2020 könne eine begrenzte unkonventionelle Erdgasproduktion wettbewerbsfähig sein. Mittel- bis langfristig könnte unkonventionelles Gas den Importbedarf von Erdgas und zurückgehende Produktionsmengen in der Nordsee reduzieren. 
      • Zu einer "Revolution" komme es in Europa wohl nicht.

      Doch die Protestorganisatoren haben noch lange nicht gewonnen. Mittel- und langfristig mag sich das Debattenumfeld verändern.Zudem ist für die Umweltverbände nicht ganz einfach zu kommunizieren, dass sie nicht per se gegen Erdgas sind, sondern nur gegen eine -- in der Öffentlichkeit gemeinhin nicht verstandene -- bestimmte Fördertechnik und die dabei verwendeten Chemikalien. Außer im regionalen Politikbereich, wo der Druck steigt, scheinen die Umweltverbände derzeit das Thema eher nicht als erste Priorität zu sehen.

      Dienstag, 2. August 2011

      DRPR: Keine Rüge, aber Mahnung für intransparente Solar-Initiative NTSA

      Am 8. Dezember 2010 beschäftigte sich ein PAM-Blogbeitrag mit "Gift, Geld und Glücksritter in der Solar-Lobby zwischen Brüssel und Berlin - Die merkwürdige Story der Initiative Non-Toxic Solar Alliance". Dabei ging es um den überraschend schnell gewachsenen Einfluss einer neuen Lobbygruppe auf die Beratungen zur EU-Richtlinie zur Beschränkung gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten (RoHS). Die Non-Toxic Solar Alliance entpuppte sich als Soloprojekt der Berliner PA-Agentur Bohnen Kallmorgen & Partner (BKP) zwecks Kundenakquise.

      Dazu gibt es nun Neues. Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) hat die Vorwürfe von LobbyControl geprüft und am 28. Juli einen Ratsbeschluss herbeigeführt (Beschwerdekammer II Politische Kommunikation, Akte 02/11).  Eine Rüge erteilt er nicht, aber eine Mahnung für die Agentur Bohnen Kallmorgen & Partner und die (nicht mehr aktive) Non-Toxic Solar Alliance.

      Der Rat spricht von Verstößen gegen die Transparenzpflicht. Der DRPR erachtet es "als hinreichend belegt, und durch die Aussagen der Verantwortlichen auch eingestanden, dass bei der Außendarstellung von NTSA e.V. (NTSA) ein Fall fehlender Absendertransparenz vorliegt. Die Ziele, die Finanzierung und in diesem Zusammenhang die zentrale Rolle der BKP innerhalb der NTSA wurden nicht ausreichend offengelegt."

      LobbyControl freut sich naturgemäß über die Bestätigung, dass gegen Transparenzpflichten verstoßen wurde. Das Beispiel verdeutliche, dass Lobbyagenturen "nach wie vor zu leicht im Dunkeln operieren können". Die DRPR-Mahnung sei nur eine nachträgliche Kritik, denn die NTSA sei seit letztem Jahr nicht mehr aktiv. LobbyControl wiederholt den Ruf nach einem verpflichtenden Lobbyregister in der EU und in Deutschland, das in diesem Fall die Verbindungen von NTSA und Agentur BKP sowie zu weiteren BKP-Klienten offengelegt hätte. Die Organisation hat auch noch offene Fragen, etwa warum die NTSA so lange aktiv blieb, obwohl die Solarindustrie sie eben nicht unterstützte -- oder ob für den Beginn der Beobachtungs-Aktivitäten  nicht doch ein anderer Agenturkunde Pate stand. LobbyControl ist nicht ganz zufrieden, statt einer Mahnung wäre der Organisation eine Rüge lieber gewesen:
      Nach Analyse von LobbyControl handelt es sich dabei um eine irreführende Darstellung, wie sie in der PR- und Lobbybranche häufiger vorkommt: Lobbyorganisationen versuchen sich ein zivilgesellschaftliches Mäntelchen umzuhängen, selbst wenn sie unternehmerische Ziele verfolgen.
      An dieser Stelle bleibt der PR-Rat merkwürdig blass in seinem Ratsspruch.
      Mit der Mahnung wählte der Rat zudem die schwächere Urteilsform. Aus Sicht von LobbyControl wäre angesichts der irreführenden Außendarstellung der NTSA durchaus eine Rüge für BKP angemessen gewesen.

      Der DRPR sah dies anders, er begründet dies mit einer "klar selbstkritischen Würdigung des Vorgefallenen". Die Verantwortlichen hätten eingestanden, "dass die Behauptung der Gemeinnützigkeit der Initiative ohne Hinweis auf die Akquiseabsichten ein Fehler war und die Außendarstellung der
      NTSA somit an Transparenz vermissen lässt." Nach Bekanntwerden der Vorwürfe sei die Finanzierung der NTSA durch die Agentur auf der Homepage offengelegt worden.

      Der DRPR sieht Verstöße gegen den  Code de Lisbonne (Aufrichtigkeit, moralische Integrität und Loyalität, Vermeidung von Irreführung, offene Durchführung von PR-Aktivitäten, klare Erkennbarkeit und Quellenbezeichnung, keine Täuschung) und gegen die DRPR-Richtlinie zur Kontaktpflege im politischen Raum (Offenlegung von Organisation, Interessen, Arbeitsweise gegenüber politischen Gesprächspartnern und Presse).

      Interessant ist in der DRPR-Akte zu lesen, warum die Agentur die wahren Hintergründe verschwieg: 
      Die NTSA ließ ihre Gesprächspartner und die Öffentlichkeit über Monate hinweg in dem Glauben, bei ihr handele sich um eine Industrieinitiative, ohne offenzulegen, dass die NTSA allein von der Agentur BKP betrieben wird und zunächst das Ziel verfolgte, Unterstützer-Unternehmen zu akquirieren. Die Agentur selbst führt aus, dass bestimmte Gesprächspartner aus Politik und Medien nur so interessiert werden konnten, weil ein Offenlegen der Tatsachen, diese abgeschreckt hätte.
      Nun ja, eine sehr pragmatische Ziel-Mittel-Bestimmung: Wenn Politiker und Journalisten die Wahrheit nicht vertragen können, dann muss es eben mit Tarnen und Täuschen gehen. Weil Politiker und Journalisten lieber nicht mit einer PA-Agentur zusammenarbeiten wollen, führt man sie hinters Licht. Selbstverständlich weil es sich um einen guten Zweck handelt, nämlich "den „Einsatz  für wichtige öffentliche Belange mit der Generierung von Neugeschäft“ zu verbinden". 

      Der Rat befand eindeutig, die NTSA-Initiative "verfolgte unternehmerische Ziele für BKP"; die NTSA sei entgegen der Außendarstellung stets von der Agentur direkt abhängig gewesen und habe weder eine eigenständige Struktur noch Finanzierung gehabt.


      Der Rat gibt der Agentur noch einige Hausaufgaben zur kurzfristigen Bearbeitung mit: Bereinigung der NTSA-Internetpräsenz, Korrektur der Angaben gegenüber den bisherigen und künftigen Gesprächspartnern, Aufstellung klarer Regeln in der Agentur für künftige Akquise und als "Orientierungshilfe bzw. Handlungsanweisung für Projektpartner und Mitarbeiter". Der Rat verweist ausdrücklich auf zwei frühere Ratssprüche: die Entscheidungen in der Angelegenheit E.ON/PRGS (dazu ein PAM-Blogbeitrag) und in der Angelegenheit Weber Shandwick/BVMed. Hier ging es auch um die Geschäftsanbahnung: Die Agentur müsse jeden Eindruck vermeiden, sie handle im Auftrag eines Kunden.  Der Rat sagt:
      Gerade weil der Rat die prinzipielle Vorgehensweise für legitim hält und es als selbstverständlich betrachtet, dass eine Agentur aus der Analyse von Geschäftspotenzialen heraus, Strategien entwickelt und hierfür Allianzen anstrebt, muss zu jedem Zeitpunkt deutlich gemacht werden, wie der Status einer solchen Initiative aussieht. In diesem Sinne kann die Agentur selbstverständlich auch nach außen kommunizieren und bspw. Sondierungsgespräche mit der Politik führen, welche Durchsetzungschancen eine solche Allianz hätte. Ein solches Vorgehen hält der DRPR für vermittelbar und auch nicht der Sache abträglich, wenn eine Agentur deutlich macht, dass sie die Initiative ergriffen hat und sich in Gesprächen mit der relevanten Industrie hierüber befindet, inwieweit sie sich an der Initiative beteiligen werde.
      Die Argumentation ist nachvollziehbar. Operativ ist das allerdings ein schmaler Grat -- zumal auf der Hand liegt, wie schwer es ist zu entscheiden, ab wann solche Exploration tatsächlich öffentlich gemacht werden kann. Im "Dunkeln", wie LobbyControl sagt, beginnt es wohl immer. Sondierungsgespräche gehören unter den Schutz der Vertraulichkeit. Spätestens ab einer formalen Organisationsgründung und dem Eintreten in die Öffentlichkeit und in echte Lobbygespräche wird es aber Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen.